: Lackierte Nägel tauchen immer wieder auf
Die Fotografin Heidi Specker verarbeitet in einer Leipziger Ausstellung den Nachlass der Avantgardefotografin Aenne Biermann. Oder besser: das, was die Nazis davon übrig ließen
Foto: Heidi Specker, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Von Brigitte Werneburg
Verständlich, wenn Claudia Tittel, die Leiterin des Kulturamts Gera, Unterstützung bei Heidi Specker suchte. Es galt, Aenne Biermann, eine wichtige Vertreterin der Fotografie des Neuen Sehens, im Kulturleben Geras wieder sichtbar zu machen. Und Speckers eigenwillige Auseinandersetzungen mit Germaine Krull (2004) sowie Moï Ver (2015), gleichfalls Repräsentanten des Neuen Sehens, hatten nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
Mit einem Arbeitsstipendium der Hertie-Stiftung recherchierte Specker also in Gera. Hier war die junge Aenne Biermann nach ihrer Heirat 1920 mit dem Textilunternehmer Herbert Biermann zu Hause. Ein Umstand, der sich heute in der Stadt kaum noch nachvollziehen lässt. Nach Aenne Biermanns frühem Tod 1933 sah sich der Witwer mit zwei kleinen Kindern unter dem Druck von Ausgrenzung und schließlich der „Arisierung“ seines Unternehmens 1939 zur Emigration gezwungen.
Zwei Liftvans, eine Art Container, in denen Biermanns fotografischer Nachlass und andere Wertgegenstände der Familie von Triest aus nach Palästina verschifft werden sollten, erreichten nie ihr Ziel. Teile des Inhalts gelangten vermutlich in Wien zur Auktion. Von der Villa der Familie in Gera, 2020 abgerissen, bleibt das Foto ihres modernistischen Damenzimmers. Für seine Gestaltung hatte Biermann, die eine als „Herrenschnitt“ bekannte Kurzhaarfrisur trug, Thilo Schoder beauftragt, einen Vertreter des Neuen Bauens.
„Amnesia Gera“ lautet bezeichnenderweise der Titel, unter dem Specker ihre Beschäftigung mit Aenne Biermann Ende 2024 in der Neuen Galerie für zeitgenössische Kunst vorstellte. Später suchte sie auch in Wien und Triest nach materiellen Spuren der verlorenen Containerladung. Im Oktober 2025 war „Liftvan Triest“ im dortigen Trieste Contemporanea zu sehen. Als Ausstellungsort ließe Leipzig sich nun als Stellvertreter Wiens lesen, wäre die GFZK nicht eine naheliegende Wahl für Heidi Specker, die ebenfalls in Leipzig, an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, eine Professur hat.
In den Galerieräumen übersetzt das von Specker beauftragte interdisziplinäre Designkollektiv Bless das Bild des Damenzimmers in eine Installation, die durch das raumverbindende Regalsystem aus Sperrholz in Kombination mit bizarren, pelzbezogenen Sitzhockern besticht. Auf dem Regal finden sich Mineralien aus der Sammlung von Speckers verstorbenem Ehemann Kasper König. Sie erinnern an die Mineralienaufnahmen, mit denen Biermann Ende der 1920er Jahre berühmt wurde.
Auch Specker fotografiert die Mineralien. In Doppelbelichtungen setzt sie sie vor den Hintergrund von Biermanns „Blick aus meinem Atelierfenster“. Im Print sind jeweils andere Ausschnitte dieses Hintergrunds positiv zu sehen, während die Mineralien als Negativ erscheinen. Auch das eine Reflexion des Damenzimmers, an das die Dunkelkammer angeschlossen war.
Aenne Biermanns Karriere war spektakulär. Erst Anfang der 1920er Jahre begann sie zu fotografieren, zunächst, um das Aufwachsen ihrer Kinder zu dokumentieren. Bereits 1929 erhielt die Fotoamateurin eine Einzelausstellung im Landesmuseum Oldenburg, in Nachfolge von Albert Renger-Patzsch und Karl Blossfeld. Von rund 4.000 Negativen, die in kürzester Zeit entstanden, sind heute nur noch etwa 400 Abzüge in deutschen Sammlungen zu finden.
Dass die Motivwahl häuslich blieb, zeigt sich in den Biermann-Specker-Bildpaaren von „Amnesia Gera“: Da stellt Specker ihr Farbfoto eines frischen Blumenstraußes Biermanns Tüte mit Walnüssen gegenüber. Sie paart die Fassade eines modernen Wohngebäudes mit einem Spiegelei. Und zwei Teenagern in Geras Fußgängerzone treten Biermanns Kinder in der Badewanne gegenüber.
Foto: Heidi Specker, VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Das Kapitel Wien findet in einem raffinierten Montagefilm Niederschlag: Bilder aus Auktionshäusern, Möbellagern und -sammlungen werden nach einem festgelegten Schema übereinander geblendet. Triest wiederum steht für eine kleine Serie großartiger Farbaufnahmen: drei brillante Schaufensterstillleben, ein Blick aufs Meer und einer aus dem Fenster auf ein Hausensemble.
Das Titelfoto zeigt Nagelstudiokunst auf Männerhänden als Äquivalent zu Biermanns Herrenschnitt. Weil lackierte Nägel in Speckers Werk immer wieder auftauchen, werden sie hier zum Zeichen ihrer eigenständigen künstlerischen Antwort. „Damenzimmer Herrenschnitt“ handelt von Nähe und Differenz, Erinnerung und Verlust – und der Möglichkeit, aus den Lücken der Überlieferung neue Bilder zu gewinnen. ↓
Heidi Specker: „DamenzimmerHerrenschnitt. Eine Hommage an Aenne Biermann“. gfzk – Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig, bis 10. Januar 2027. Katalog (Buchhandlung Walther König): 29,80 Euro
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