LGBT-Aktivistin in Russland in Haft: Von Staat und Rechten verfolgt

Julia Tzwetkowa postete eine Zeichnung eines homosexuellen Paares im Internet – und wurde wegen Pornografie verurteilt.

Julia Tzwetkowa steht vor dem Gerichtsgebäude, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen

Hassobjekt von Rechtsradikalen in Russland: Julia Tzwetkowa nach ihrer Gerichtsverhandlung im April Foto: Alexander Permyakov/ap

Und wieder wird in Russland gehungert: gegen eine Justiz, die im Auftrag des Kreml unterwegs ist und sich kaltschnäuzig über elementare Grundrechte hinwegsetzt. Diesmal hat Julia Tzwetkowa zu diesem Mittel gegriffen – genauer gesagt am 1. Mai. Der Staat solle wie ein echter Mann handeln, heißt es dazu in einem Facebook-Post der LGBT-Aktivistin. Sie fordere einen öffentlichen Prozess, die Möglichkeit, sich mit allen gesetzlichen Möglichkeiten zu verteidigen, sowie ihren Prozess nicht weiter zu verschleppen.

Die 27-Jährige steht seit dem 12. April 2021 in der fernöstlichen Stadt Komsomolsk am Amur vor Gericht, die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen. Der Vorwurf, der bereits seit November 2019 anhängig ist, lautet auf „Herstellung und Verbreitung von pornografischem Material“.

In den sozialen Netzwerken hatte sie unter dem Titel „Vagina-Monologe“ Zeichnungen weiblicher Genitalien veröffentlicht. Im Falle einer Verurteilung drohen Tzwetkowa sechs Jahre Haft. Der Prozess sei nichts anderes als politische Repression und komme einer kafkaesken Absurdität gleich, heißt es in einer Stellungsnahme von Amnesty International vom April.

Tzwetkowa, die sich seit frühester Kindheit mit Kunst beschäftigt und im Alter von 13 Jahren ihre erste eigene Ausstellung organisierte, begann ihre Ak­ti­vis­t*in­nen­kar­rie­re 2018. Sie schrieb und hielt Vorträge über Feminismus, LGBT-Rechte, Antimilitarismus und Ökologie. Auch an Theaterprojekten in Schulen wirkte sie mit.

Morddrohungen für Botschaften der Liebe

Im Herbst 2019 wurden der bekannte homophobe Aktivist Timur Bulatow und seine Gruppierung „Moralischer Dschihad“ – selbst ernannte Sittenwächter, die gerne Jagd auf LGBT-Aktivist*innen machen und diese dann denunzieren – bei der Polizei vorstellig. Angeblich habe Tzwetkowa pornografisches Material verbreitet. Am 20. November 2019 wurde die Künstlerin festgenommen und für vier Monate unter Hausarrest gestellt. Als sie in dieser Zeit einen Arzt aufsuchen wollte, wurde ihr das verweigert.

In der Folgezeit wurden wegen „Propaganda für nicht traditionelle sexuelle Orientierungen“, die sich angeblich an Minderjährige gerichtet haben soll, mehrmals Geldstrafen gegen Tzwetkowa verhängt. Unter anderen handelte es sich dabei um eine Zeichnung, die zwei gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern zeigt und auf VKontakte (dem russischen Pendant zu Facebook) veröffentlicht wurde. Der Begleittext lautete: „Die Familie ist da, wo Liebe ist. Unterstützt LGBT und Familien“.

Am 16. April 2020 wurde Tzwetkowa, die regelmäßig Morddrohungen erhält und sich um ihre Familie Sorgen macht, mit dem interna­tionalen Preis „Index on Censorship“ in der Kategorie „Arts“ ausgezeichnet.

„Wer einen Hungerstreik ankündigt, sollte bereit sein, bis zum Äußersten zu gehen“, schreibt Tzwetkowa am Ende ihres Posts. „Bin ich bereit zu sterben? Das weiß ich nicht, aber eins weiß ich ganz genau: Ich bin nicht bereit, so zu leben wie jetzt. In Furchtsamkeit und Niedertracht.“ Barbara Oertel

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