Kundgebungen gegen Antisemitismus

„Ermordet, weil sie Jüdin war“

Franzosen demonstrieren nach dem Mord an der Jüdin Mireille Knoll in mehreren Städten gegen Antisemitismus. Doch dabei sind nicht alle willkommen.

Ein Button mit einer Potrait der ermordeten Mireille Knoll hängt an einer Jacke

Ein Button mit einer Potrait der ermordeten Mireille Knoll beim Protest gegen Antisemitismus am Donnerstagabend in Paris Foto: ap

PARIS taz | In Paris, Marseille, Lyon, Straßburg und Toulouse haben am Donnerstagabend mehrere tausend Menschen Mahnwachen und Kundgebungen gegen Antisemitismus abgehalten. Die grausamen Umstände des Todes der 85-jährigen Jüdin Mireille Knoll bei einem Raubüberfall in ihrer Wohnung am letzten Freitag haben Frankreich aufgewühlt. Besonders schockierend ist, dass laut Staatsanwaltschaft ein antisemitisches Verbrechen vorliegt.

Die beiden inhaftierten Tatverdächtigen, die sich im Gefängnis kennengelernt haben sollen, beschuldigen sich seit ihrer Festnahme offenbar gegenseitig, ihr Opfers antisemitisch beschimpft und den Tod der betagten Frau verursacht zu haben. Knoll hatte den Holocaust überlebt.

Das Verbrechen ist nur das letzte in einer Reihe antisemitischer Attentate und Aggressionen der letzten Jahre: Die Entführung und Ermordung von Ilan Halimi 2006, das blutige Attentat vor der jüdischen Schule von Toulouse 2012, die mörderische Geiselnahme im Supermarkt HyperCacher 2015, der Mord an der Jüdin Sarah Halimi 2017 und jetzt Mireille Knoll.

In Paris sind es mehrere tausend Menschen, die sich am Ende des regnerischen Nachmittags auf dem riesigen Platz eingefunden haben. Viele tragen einen Button mit dem Portrait von Mireille Knoll, andere den Aufkleber der Union des Etudiants Juifs de France mit der Aufschrift „Mireille Knoll im Jahr 2018 ermordet, weil sie Jüdin war“.

Die Regierung läuft mit

Als nach und nach zahlreiche Persönlichkeiten eintreffen, beginnt der Schweigemarsch in Richtung der Wohnung des Ermordeten. Repräsentanten der verschiedenen Konfessionen und prominente Vertreter der politischen Parteien sind dabei. Fast die gesamte Regierung ist gekommen.

Die Medienleute stürzen sich mit Kameras und Mikrofon auf die Politiker – als könnten diese ihnen etwas Neues oder Tröstendes sagen. Präsident Emmanuel Macron hatte es vorgezogen, am Nachmittag in Bagneux, fern der Kameras, der Beerdigung im Familienkreis beizuwohnen.

Ein paar hundert Meter kommt auf dem Boulevard Voltaire am Rand plötzlich Bewegung in den Zug. Rufe wie „Collabo“ und „Ordure“ („Kollaborateur“, „Dreckskerl“) sind zu hören. Sie gelten Jean-Luc Mélenchon, der sich zusammen mit anderen Mitgliedern der „France insoumise“ dem Marsch anschließen will.

Polizeischutz für unerwünschte Politiker

Eine Gruppe von sehr aufgebrachten Jugendlichen drängt diese Mitglieder der linken Opposition in eine Seitenstraße, wo sie von Polizisten vor Handgreiflichkeiten geschützt werden müssen.

Ein Teil der Mitmarschierenden teilt die Ansicht, wegen seiner Kritik an Israel habe Mélenchon und seine extreme Linke hier nichts zu suchen. „Mélenchon ist hier mit seinen Krokodilstränen nicht erwünscht“, schimpft ein älterer Mann. Mélenchon sagt verbittert: „Ich bin nicht das Thema hier. Es geht um eine von Barbaren ermordete Frau und die Notwendigkeit der nationalen Einheit. Der Rest ist Nebensache.“

Wenig später ergeht es der Rechtsextremistin Marine Le Pen nicht besser. Während sie unter Polizeischutz in eine Nebenstraße eskortiert wird, rufen ihr Demonstranten nach „Le détail, le détail“ , zur Erinnerung an die antisemitische Bemerkung ihres Vaters Jean-Marie Le Pen, der den Holocaust als „Detail der Geschichte“ verharmlost hatte.

Laut Le Monde wird die Parteichefin des Front national, die sich später ganz am Ende der Kundgebung dich noch anschließt, von Mitgliedern der extremistischen Ligue de défense juive eskortiert.

Mitten in der weiterziehenden Menge marschiert der Philosoph Alain Finkielkraut. Er ist wie viele neben ihm konsterniert von den Vorfällen am Rand. „Sie werden sehen, morgen wird nur davon die Rede sein. Wir sind hier für einen würdigen Schweigemarsch. Ich bin ein erklärter Gegner von Le Pen und Mélenchon, aber diese Aggressivität gegen sie ist skandalös.“

Der Repräsentativrat der Jüdischen Institutionen Frankreichs (CRIF) hatte Le Pen und Mélenchon gewarnt und erklärt, sie seien beide nicht willkommen. Beide hatten indes angekündigt, sie würden auch ohne Einladung an der Solidaritätsaktion teilnehmen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de