Kultur: Sie könnten auch schießen!
Winfried Kretschmann, der erste grüne Ministerpräsidenteines deutschen Bundeslandes, tritt nach 15 Jahren ab. Die Verabschiedungsfeier untermalt das Heeresmusikkorps Ulm. Aber sind die überhaupt gut? Eine Konzertkritik.
Von Verena Großkreutz
Ein herrlicher Tag. Das Hoch „Winfried“ (heißt wirklich so) strahlt vor sich hin. Ein sanfter Wind weht durch den Ehrenhof des Stuttgarter Neuen Schlosses, in dessen Weiten das Grüppchen von 200 Bürger:innen, die sich vorher online um die begrenzte Zahl an Stehplätzen bemüht hatten, ein wenig verloren wirkt. Hinter der Einzäunung zum Hof gucken ein paar Zaungäste zu. Platz genug wäre drinnen auch für sie. Von den etwa 350 Ehrengästen, die am Festakt zur Verabschiedung von Winfried Kretschmann, dem scheidenden grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, teilgenommen hatten, haben viele schon das Feld geräumt.
Zack, zack, zack
Das Heeresmusikkorps Ulm dagegen, 45 Musiker:innen, steht schon stramm, als Kretschmann mit Entourage seinen Stehplatz einnimmt. Das uniformierte Korps – schwarze Hosen, dunkelgraue Jacken, schwarze Barretts – Männer und ein paar Frauen, hat sich in der hinteren Ecke des Ehrenhofs aufgestellt unter den Flaggen Deutschlands, Baden-Württembergs und der EU.
Die Eröffnung des Konzerts ist sehr militärisch, so will‘s die Zeremonie: Der musikalische Leiter Major Dominik Koch befiehlt dem strammstehenden Korps im strengen Ton „Augen rechts“, marschiert dann zum Ministerpräsidenten und meldet, dass das Korps nun zur Serenade angetreten sei. Serenade? Es ist doch erst 14.30 Uhr und die Bezeichnung leitet sich nicht nur von „al sereno“ – im Freien – ab, sondern auch von „serena“ – Abend. Egal. Heißt halt so. Sie ist auch in den Großen Zapfenstreich integriert, dem höchstrangigen militärischen Zeremoniell der Bundeswehr, auf das nur Bundespräsident:innen, Bundeskanzler:innen und Bundesverteidigungsminister:innen, außerdem hochrangige Militärs Anspruch haben. Die Serenade ist dort jener Teil, in dem sich die Geehrten Titel wünschen dürfen (wir erinnern uns: Angela Merkel wollte „Du hast den Farbfilm vergessen“ hören). Und so ist das auch bei der Serenade für Ministerpräsident:innen. Aber was hat sich Kretschmann gewünscht?
Der Major geht zurück zum Dirigierpult: „Augen geradeaus!“ Dann der Appell zum Ansetzen der Instrumente, die vorher fest am Körper lagen. Die Instrumente werden für jedes Stück auf das taktgebende Kommando des Majors exakt und synchron gehoben und danach wieder abgesenkt. Zack, zack, zack. Sehr befremdlich. Blasinstrumente sind doch keine Gewehre! Auch wenn sie laut sind, lauter jedenfalls als Streichinstrumente, die für den ungeschützten und unverstärkten Draußen-Einsatz ungeeignet sind. Aber auch was die Musik angeht, gibt es bei der Bundeswehr halt Exerzierregeln. Sonst wäre es ja keine Militärkapelle.
Auf Platz 1 der Liste an sechs Titeln, die sich der katholische Kretschmann gewünscht haben soll, steht: „Nun danket alle Gott“. Ein protestantischer Choral mit einer wechselvollen Wirkungsgeschichte, den sich auch Helmut Kohl 1998 in seinem Serenaden-Abschnitt seines Großen Zapfenstreichs gewünscht hat. Das Blech blitzt in der Sonne, die Intonation vor Sauberkeit. Ein Choral, arrangiert für ein riesiges Blasorchester: voller, warmer, homogener Zusammenklang. Das kann das Korps, keine Frage.
Gewünscht oder ausgewählt? Bei der Planung des Programms soll Kretschmann auch „Penny Lane“ von den Beatles vorgeschlagen haben. Aber das hat das Korps nicht im Repertoire.
Dafür gibt‘s jetzt den Marsch „Herzog von Braunschweig“ von 1806 (Komponist unbekannt) auf die Ohren. Warum den? Ein traditioneller Marsch sei das aus der deutschen Marschsammlung, erläutert Major Koch. Und der Marsch macht jetzt seiner Bezeichnung alle Ehre: mit Fanfaren und Tschingderassabum. Wer sonst als ein Heeresmusikkorps könnte Märsche besser spielen? So zackig! Ein Sinfonieorchester würde sich das nie trauen. Da würde INTERPRETIERT, der Marschrhythmus durch Gefühle unterwandert oder karikiert, und im Kontrastteil in der Mitte, wo es melodisch wird, würde man spritzig, leicht und neckig Witz in das Ganze hineinbringen. Wer also einen Marsch so richtig marschmäßig hören will, ist an diesem Tag an der richtigen Stelle.
Ein bisschen swingt‘s
Aber das Heeresmusikkorps Ulm ist auf jeden Fall ein gutes Heeresmusikkorps: Trompeten, Hörner, Posaunen, Tuben, Flügelhörner, Kornette und Klarinetten, Flöten, Oboen, Fagotte und Saxophone verschmelzen meist zu einem warmen, homogenen Klang. 1956 gegründet, kommt es wie alle 15 professionellen Musikeinheiten der Bundeswehr (davon 6 Heeresmusikkorps) bei militärischen Zeremonien, Staatsakten und repräsentativen Konzerten im In- und Ausland zum Einsatz, außerdem spielen sie bei Auslandseinsätzen zu Kommandoübergaben oder anderen militärischen Anlässen. Die Heeresmusikkorps sind jedenfalls die musikalische Visitenkarte der Bundeswehr. Das Ulmer Korps spielt bis zu 180 Anlässe im Jahr, sagt der Major, es umfasse 75 Mitglieder – davon 50 Musikfeldwebel und 25 freiwillige Wehrdienstleistende.
Jetzt aber erst einmal ein Frank-Sinatra-Medley – klar: mit drin „My way“ und „New York, New York“. Ein bisschen swingt‘s jetzt, tut sich die Welt des Frühschoppen-Big-Band-Sounds auf. Ein Musiker wippt etwas mit. Alle anderen stehen stramm. Die Wechsel zwischen den Songs könnten geschmeidiger gestaltet sein, holpern ein bisschen. Und cool wären auch ein paar jazzgemäße Soli. Aber individuelle Alleingänge in einer Militärformation? Ein schüchternes Flötensolo, ein kurzes Solo für ein Saxophon, mehr ist nicht drin.
Dann das „Hohenzollernlied“. Das passt ja mal, denkt man sich, das ist doch eine Hymne auf Kretsches Lieblingsberg, gelegen in seiner Heimatregion, wurde er doch 1948 in Spaichingen geboren. „Nicht weit von Württemberg und Baden / Und der wunderschönen Schweiz / Da liegt ein Berg so hoch erhaben / Den man den Hohenzollern heißt.“ Leider erklingt es an diesem Mittag nicht als Chor. Und da kann man die Ohren drehen und wenden wie man will: Natürlich überträgt sich die zackige Körperlichkeit der Musizierenden auch auf die Musik. Geblasen wird in Einheitsdynamik, ohne viele farbliche Schattierungen. Und im Falle des Hohenzollernlieds hat der Arrangeur offenbar vergessen, dass es sich bei diesem Werk (Autorenschaft unklar) um ein LIED handelt und nicht um einen Marsch.
Und dann ist schon Finale: die Europa- und die deutsche Nationalhymne. Major Koch kommandiert wieder, „Augen rechts“, marschiert zum Ministerpräsidenten und meldet: „Serenade beendet!“ Zurück zum Korps: „Augen geradeaus. Und abtreten.“
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