Kultur in der Berliner Großsiedlung: Siemensstädter Schauwerte

Auch eine Huldigung Hans Scharouns: „Kino Siemensstadt“, die Streamingreihe des Projektraums Scharaun, dreht sich um Architektur und Städtebau.

Blick entlang einer Fassade in der Berliner Großsiedlung Siemensstadt

Alles hübsch hier in der Reihe: Still aus Ofir Feldmans Film „Wir Siemens­städter“ Foto: Feldman

BERLIN taz | Haben Film und Städtebau etwas miteinander zu tun? Natürlich! Ihre gemeinsame Schnittmenge ist das Kino. Das „Lichtspielhaus“ war lange Zeit der Vergnügungstempel im lokalem Wohnumfeld und somit eine feste Größe im Kiez. Und das Kino bot vieles: Es war Treffpunkt, Kommunikationszentrum, Eheanbahnungsinstitut, Nachrichtenportal und „Couch der Armen“, wie der französische Psychoanalytiker Félix Guattari die Funktion des Kinos für die Seele beschrieb.

Im Dunkeln mit Blick auf die Leinwand konnte jedermann die großen Gefühle durchleben und Leidenschaften gleichsam kathartisch bewältigen, die der Alltag (nicht) lieferte. Auch deshalb hießen die großen Filmstudios ja Traumfabriken. Das Kino war eigentlich so unverzichtbar, dass man sich fragt, was mit einer Gesellschaft passieren wird, die ohne Kino auskommen soll.

In Siemensstadt gibt es kein Kino mehr. Schon in den 60er Jahren war es hier mit dem Kino vorbei. Heute beherbergen die einstigen Standorte, ein Altbau an der Nonnendammallee und der in den 50er Jahren errichtete Flachbau am Anfang des Jungfernheidewegs, einen Textildiscounter und einen Lebensmittelmarkt.

Doch, oh Wunder, seit Mai gibt es wieder ein „Kino Siemensstadt“. Allerdings handelt es sich um kein Kino im klassischen Sinne. Vielmehr steht der Name für eine Streamingreihe des Projektraums Scharaun. Das wöchentlich wechselnde, auf der Website von Scharaun frei zugängliche Programm behandelt explizit das Thema Architektur und Städtebau.

Die Filme: Das „Kino Siemensstadt“-Programm läuft bis 28. August und ist online wöchentlich, immer freitags ab 18 Uhr, für sechs Tage abrufbar auf www.scharaun.de.

Der Raum: Als aktuelle Schau im Projektraum Scharaun, Jungfernheideweg 4, ist noch bis 14. August eine Gruppenausstellung zum Architekten Konrad Wachsmann zu sehen, samstags von 12 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung: info@scharaun.de.

„Kino Siemensstadt“ ist im Grunde auch eine Reaktion auf den Shutdown wegen Corona. Die zweieinhalb Zimmer große Wohnung im Zeilenbau am Jungfernheideweg, die der Künstler Jaro Straub seit 2017 als Projektraum für Kunst beziehungsweise Gruppenausstellungen verschiedenster Art nutzt, musste im Frühjahr wegen der Hygieneregeln schließen. Die Aktivitäten von Scharaun konnten kurzfristig nur im Netz aufrechterhalten werden.

Der merkwürdige Name Scharaun ist übrigens eine Synthese der Wörter Schauraum und Scharoun. Hans Scharoun hat das Haus gebaut, das Jaro Straub als Domizil für seinen Projektraum dient. Der Architekt war auch für das städtebauliche Konzept der Großsiedlung Siemensstadt zuständig. Und nicht nur das, Scharoun wohnte auch von 1930 bis 1960 in jenem Haus, wo jetzt Scharaun zu Hause ist.

Der Geist von Scharoun

Dass Jaro Straub diesen Standort wählte, war ein merkwürdiger Zufall. Auf der Suche nach einer Wohnung für seine Schwiegermutter verschlug es ihn in das Scharoun-Gebäude. Es muss dann irgendwie klick gemacht haben. Denn der Geist von Scharoun war Straub bekannt. Seine Großeltern wohnen in einem Haus im Süddeutschen, das Chen Kuen Lee, ein enger Mitarbeiter von Scharoun, ganz im Geiste seines Lehrers und Kollegen konzipiert hat.

Straubs Beziehung zu Scharoun geht so weit, das er den Grundriss der von ihm genutzten Wohnung zu einer Art Logo für Scharaun gemacht hat. Aber die subtilen Qualitäten, was Form, Proportion, Materialität, kurz, was die Wohnlichkeit der Architektur angeht, erschließen sich eigentlich nur vor Ort. Schließlich gehört das Haus wie die ganze modernistische Architektur der sogenannten Ringsiedlung in Siemensstadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Der Ring war eine Vereinigung von modern gesinnten Architekten. Sechs davon (Bartning, Forbat, Gropius, Häring, Henning und Scharoun) kamen bei der Errichtung der Großsiedlung Siemensstadt (1929–30) zum Zuge.

Der Fokus auf Architektur und Städtebau im Programm von „Kino Siemensstadt“ kommt also nicht von ungefähr. Für die Auswahl der Videos hat Straub sich mit Olaf Stüber zusammengetan. Galerist und Kurator Stüber ist so etwas wie der Experte für Videokunst in Berlin, und seine seit 2008 laufende Filmreihe „Videoart at Midnight“ im Kino Babylon ist eine Institution im Berliner Kunstbetrieb.

Auch die Auswahl der Filme für „Kino Siemensstadt“ zeigt ausgesprochene Kennerschaft sowie Sinn für Geschmack und Qualität. Namen wie Anri Sala, Ofir Feldman, Amie Siegel oder das Duo Korpys/Loeffler standen seit Mai dafür.

Hoch gespannte Erwartungen

Für den Rest der Streaming­strecke bis Ende August dürfen daher die Erwartungen hoch gespannt sein. Filipa ­César und das Künstlerpaar Nina Fischer & Maroan el Sani widmen sich zum Beispiel zusammen der Allee der Kosmonauten, Tobias Zie­lony und Mario Pfeiffer beleuchten in „Le Vele di Scampia“ einen modernistischen Betonklotz in Neapel, der wie in so vielen Fällen zu einer verwahrlosten Problemzone geworden ist.

Besser angenommen und besser situiert ist übrigens eine modernistische Ikone in Berlin. Es handelt sich um die 600 Meter lange Autobahnüberbauung („Die Schlange“) von Architekt Georg Heinrichs in der Schlangenbader Straße. Knut Klassen und Carsten Krohn werden sich bei „Kino Siemensstadt“ noch ausführlich mit solchen „Architekturskulpturen“ beschäftigen.

Am Ende der Reihe – nachdem 16 Positionen zu Architektur und Städtebau Revue passiert haben und wenn die Videografen und Kunstfilmer ziemlich häufig dabei das Für und Wider der Moderne in den Blick genommen haben werden mit ihrem Anspruch auf Funktionalität, Hygiene und Glück –wird man sich Folgendes fragen können: Kann der Film überhaupt ein so handfestes Thema wie Architektur fassen? Und überdies: Können Strea­ming­angebote, so sehr sie inhaltlich für Qualität stehen mögen, das analoge Erlebnis Kino ersetzen? Vielleicht wird man wie Schauspieler Ulrich Matthes als Präsident der Deutschen Filmakademie kürzlich in einer Forderung an die Politik zu dem Schluss kommen, dass man das Kulturgut Kino nicht sterben lassen darf – schon gar nicht wegen Corona.

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