Künstliche Intelligenz im Straßenverkehr: Wie Griechenland seine Autofahrer disziplinieren will
In Athen hängen nun acht KI-unterstützte Verkehrskameras. Sie zeichnen etwa Rotlichtverstöße auf – und stoßen in der Bevölkerung auf gemischte Gefühle.
Vassilis Vassilopoulos nimmt kein Blatt vor den Mund: „Es kann nicht sein, dass man ständig unter Beobachtung steht. Was soll das alles? Und dann noch mit KI! Geht’s noch?“. Der 58-jährige Grieche hat seinen betagten kleinen Renault an diesem kalten Januartag vor einem Schlüsseldienst an der Kreuzung von Mesogeion-Straße und Halandri-Straße geparkt. Es ist eine der am stärksten frequentierten Verkehrsadern in der griechischen Vier-Millionen-Metropole Athen.
Was Vassilopoulos auf die Palme bringt, ist nur bei näherem Hinsehen zu erkennen: an einem im begrünten Mittelstreifen errichteten Lichtmast ist eine nagelneue KI-Kamera installiert. Sie ist eine der „intelligenten“ Kameras, die unter der Ägide des Athener Digitalministeriums fortan an acht „Hochrisikostellen“ im Großraum Athen Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung erfassen. Im Dezember begann die Pilotphase, Ende Januar beginnt nun die offizielle Inbetriebnahme.
Wie der Athener Digitalminister Dimitrios Papastergiou im Vorfeld hervorhob, verfügen diese Kameras „über fortschrittliche KI-Algorithmen“. Sie können Rotlichtverstöße, die Geschwindigkeit der Fahrzeuge, die Nutzung von Smartphones, das Nichtanlegen des Sicherheitsgurts sowie das Nichttragen eines Helms erkennen. Die Vorfälle werden in Echtzeit auf einem Live-Überwachungs-Dashboard angezeigt.
Geplant ist die einheitliche digitale Erfassung von Verstößen. Dies soll die Erkennung, Bearbeitung und Bußgeldverwaltung drastisch beschleunigen. Die Verkehrssünder erhalten die Bußgeldbescheide direkt im digitalen Bürgerportal gov.gr sowie via Textnachricht. Dazu gibt es auch Bilder des Verstoßes. Wer Einspruch einlegen will, hat dies binnen 13 Tagen zu tun – digital, versteht sich. Die Zahlung der Bußgelder erfolgt elektronisch. Strafen und Punkte werden automatisch in das griechische E-Verkehrszentralregister (SESO) eingepflegt. Führerscheine können sofort digital entzogen werden.
„Die KI macht auch Fehler“, sagt ein SUV-Fahrer
Bereits in der Pilotphase registrierten die KI-Kameras eine Vielzahl von Verstößen. In nur vier Tagen, vom 16. Dezember bis zum 19. Dezember, registrierte alleine eine der acht KI-Kameras in Attika über eintausend Verstöße gegen das Handy- und Sicherheitsgurtgesetz sowie etwa 800 Geschwindigkeitsüberschreitungen, ohne dass dies damals geahndet wurde. Doch nun wird es ernst. Denn seit Montag werden die fälligen Bußgeldbescheide digital versendet.
Thanos Mavris, Taxifahrer in Athen
Vassilopoulos schüttelt den Kopf. „Wer nicht fahren kann, der kann nicht fahren. Die Leute müssen besser geschult werden.“ Ins gleiche Horn stößt Michalis Doukas. Der 38-Jährige steigt in seinen weißen SUV ein. „Ich will sehen, ob das überhaupt funktioniert. Die KI macht auch Fehler. Was ist, wenn ich dafür geahndet werde, dass ich beim Fahren angeblich mit dem Smartphone telefoniert habe, während ich bloß den Touchscreen in meinem Auto bedient habe?“ Seine Partnerin Irene auf dem Beifahrersitz nickt.
Das sieht Thanos Mavris anders. Der 29-jährige Taxifahrer wartet an einem nahegelegenen Taxistand auf Kundschaft. Die KI-Kameras findet er gut. „Die Angst vor den Geldstrafen spielt eine große Rolle“, sagt er der taz. Ein normales Gehalt in Athen liege bei 750 oder 800 Euro netto im Monat, so Mavris. „Wer will da schon 350 Euro Geldstrafe für das Fahren ohne Gurt oder ohne Helm oder für die Nutzung des Handys zahlen?“
Ein Fahrgast steigt in sein Taxi. Thanos Mavris, der täglich zehn Stunden am Steuer sitzt, fügt noch hinzu: „Die KI-Kameras wirken schon. Davor hat nur die Hälfte der Autofahrer ihren Gurt angelegt. Nun sind es die allermeisten. Fast alle Motorradfahrer tragen jetzt einen Helm. Vorher war das noch ganz anders.“
Hellas steht bei Verkehrstoten in der EU auf Platz drei
Doch nicht nur die ominösen KI-Kameras sollen die Zahl der hiesigen Verkehrsunfälle drastisch verringern. Bis Juni werden im Großraum Athen 388 neue Kameras installiert sein, die indes ausschließlich Rotlichtverstöße festhalten werden. Für die Finanzierung sorgen EU-Gelder. In ganz Hellas sind etwa 2.500 neue Kameras vorgesehen, darunter 2.000 fest installierte Kameras an unfallreichen Stellen sowie 500 Kameras in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Überwachung von Verstößen gegen die Busspurregelung.
Im Gesamtjahr 2024 zählte Griechenland 665 Verkehrstote, im vorigen Jahr waren es 522. Hellas lag 2024 in der EU hinter Rumänien und Bulgarien auf Platz drei mit Blick auf die Zahl der Verkehrstoten in Relation zur Gesamtbevölkerung. Künftig sollen die KI-Kameras für mehr Verkehrsdisziplin sorgen. Und so Leben retten.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert