Kritik an sogenannten Geschlechtstests: Männlicher Vorteil
Das IOC verlangt von Sportlerinnen den Nachweis ihrer Weiblichkeit, sonst werden sie vom Spitzensport ausgeschlossen. Daran gibt es Kritik.
Liest man sich die umfangreiche Erklärung durch, mit der das Internationale Olympische Komitee (IOC) in der vergangenen Woche seinen Beschluss begründet hat, sogenannte Geschlechtstests für Frauen wieder verbindlich einzuführen, hat man den Eindruck, das IOC habe nur den Willen aller Menschen, denen Sport etwas bedeutet, umgesetzt. „Die Richtlinie wurde mit einem athletenzentrierten Ansatz entwickelt, der die Menschenwürde, die physische und psychische Gesundheit und das Wohlbefinden sowie die Sicherheit der Athletinnen und Athleten in den Vordergrund stellt“, heißt es da. Es gehe dem IOC einzig darum, „Männern und Frauen gleichen Zugang zum Spitzensport zu ermöglichen“.
Das ist tatsächlich die Begründung, warum Frauen ein „Weiblichkeitszertifikat“ abverlangt wird, wenn sie Spitzensport treiben wollen.
Doch die Reaktionen sind nicht so eindeutig. Payoshni Mitra von der US-NGO „Humans of Sport“ attestiert dem IOC-Beschluss, es gehe nicht um Respekt. „Er schürt Misstrauen, zieht öffentliche Kritik auf sich und gefährdet ohnehin schon verletzliche Athletinnen“, sagte sie der New York Times. „Diese brutale Sprache schützt nicht den Sport – sie kontrolliert den Körper von Frauen.“
Caster Semenya
Dieselbe Zeitung befragte auch Eric Vilain, Humangenetiker an der University of California und bis 2017 IOC-Berater in diesen Fragen. „Ich hätte nichts dagegen, wenn sie sagen würden; wir sind eine private Organisation und wollen Transgender- und DSD-Athleten ausschließen, und wer damit nicht einverstanden ist, kann einen neuen Verband gründen, aber sie suchen nach Ausreden, um das zu rechtfertigen.“ Anders als das IOC behauptet, sei die wissenschaftliche Einschätzung in diesen Fragen „überhaupt nicht eindeutig“, so Vilain.
Caster Semenya fordert zum Boykott auf
Scharfe Kritik kommt von der südafrikanischen Olympiasiegerin Caster Semenya. Sie gehört wohl zu den zwei Gruppen von Frauen, denen das IOC künftig die Teilnahme an Olympischen Spielen verbietet. Neben trans Athletinnen gilt der Ausschluss auch für Frauen mit sogenannten DSD, Disorders of Sexual Development, übersetzt: Störungen der geschlechtlichen Entwicklung. Das ist eine Diagnose, die gemeinhin auf Semenya, die beste 800-Meter-Läuferin der 2010er Jahre, angewandt wird.
Bei den Weltmeisterschaften 2022 war ihr vom Weltleichtathletikverband der Start über die Mittelstrecke verboten worden; lediglich der Start über 5.000 Meter wurde ihr gestattet. Sie fordert die Sportlerinnen auf, sich dem geforderten Geschlechtstest zu entziehen. „Ich werde sie ermutigen, das zu tun, um diesem Unsinn ein Ende zu setzen“, sagte Semenya zu Sky Sport News.
Die 35-Jährige, die mittlerweile als Trainerin arbeitet, hatte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte geklagt. Der stellte – nach einem vorherigen anderslautenden Urteil – fest, dass Semenya zwar nicht diskriminiert worden sei, aber auch „kein faires Verfahren erhalten“ habe. Sie erhielt Schadensersatz in Höhe von 80.000 Euro.
Die britische Organisation „DSDfamilies“ beklagt, dass der IOC-Beschluss nichts mit den aktuellen Standards der DSD-Betreuung zu tun hat, sondern „dieser schutzbedürftigen Minderheit vorhersehbaren und vermeidbaren Schaden zufügen“ kann, wie eine Sprecherin dem Guardian sagte. „Wir sind besorgt, dass die vorgeschlagenen Verfahren nicht immer das Maß an Verständnis, Würde und Respekt zeigen, das dieses Thema erfordert.“
Test medizinisch gar nicht eindeutig
Medizinisch und biologisch geleitete Kritik verweist darauf, dass die Tests, mit denen das IOC das SRY-Gen – „Sex-Determining Region Y“ – bei Sportlerinnen finden will, keinesfalls sicher oder eindeutig sind. Und zudem sei der vom IOC behauptete „männliche Vorteil“, der angeblich in einigen Disziplinen über 100 Prozent betragen soll, wissenschaftlich nicht bewiesen. „Es gibt keine überzeugenden direkten Beweise dafür, dass Athletinnen mit DSD im Sport Vorteile haben. Die wenigen vorhandenen Belege sind von äußerst geringer Qualität“, sagt Alun Williams, Professor für Sport- und Bewegungsgenomik in Manchester.
Wenn es um trans Sportlerinnen geht, seien Gentests überflüssig. „Eine Kombination aus Dokumenten wie dem bei der Geburt registrierten Geschlecht, Aussagen von Personen, die die Athletinnen aus ihrer Kindheit kannten, und Befragungen der Athletinnen selbst würde diese zuverlässig identifizieren“, so Williams.
In seinem Statement auf der Plattform Science Media Centre verweist Williams auch auf ethische Probleme. „Beispielsweise werden Athletinnen zur Teilnahme an den Gentests gezwungen, da die einzige Alternative darin besteht, ihre sportliche Karriere für immer zu beenden.“ Zudem könnten die Tests Informationen zu Tage fördern, die „potenziell lebensverändernd“ seien, durchaus für manche Familien auch „devastating“, verheerend.
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