Krisen-Buch: Vom Nutzen der Havarie

Früher war weniger Lebenskrise: taz-Literaturredakteur Dirk Knipphals liest in Hamburg aus seiner „Kunst der Bruchlandung“.

Nicht neben Dale Carnegie einordnen: Ein Lebenshilfe-Buch hat taz-Redakteur Dirk Knipphals keines geschrieben. Bild: Josef Cramer

HAMBURG taz | Ein Buch über Krisen, aber nicht die des Finanz- oder Immobilienmarkts – ein naheliegendes Missverständnis aber sei gleich zu Beginn ausgeräumt: Dirk Knipphals’ Buch ist kein Ratgeber und auch nur bedingt Lebenshilfe, mögen Titel und Untertitel es auch nahelegen: „Die Kunst der Bruchlandung. Warum Lebenskrisen unverzichtbar sind“. Also nicht hinter Dale „Sorge dich nicht, lebe“ Carnegie einordnen. Was das Buch ebenfalls nicht will: Forum sein fürs Verarbeiten persönlicher Turbulenzen des Verfassers.

Nein, dem taz-Literaturredakteur geht es um einen allgemeineren Befund: einen Zuwachs an Krise und somit der Notwendigkeit, irgendwie klarzukommen damit. So lässt Knipphals zu Beginn seinen Großvater auftreten, so persönlich darf’s dann doch sein: einen stets korrekt gekleideten, schweigsamen Mann, Teilnehmer an beiden Weltkriegen, dem irgendwann die Frau wegstarb. Die demonstrative Ungerührtheit des Opas war für den älter werdenden Enkel irgendwann immer schwerer vereinbar mit dem, was er über die Geschichte des 20. Jahrhunderts wusste, der deutschen zumal.

Männer wie der Großvater hätten nie und nimmer eine Lebenskrise gehabt, so Knipphals. Beziehungsweise: Sie hätten sich schlicht nicht derart freimütig dazu bekannt, wie es seit den 1970er-Jahren so verbreitet sei. Belegt wird diese These mit allerlei Indizien, sei’s aus klassisch-bürgerlichen Romanen oder spätmoderner Entwicklungspsychologie.

Am Ende gibt’s für den, der will, vielleicht doch noch, tja, Werkzeuge. Denn wenn das Buch auch keine Rezepte liefert, wie es sich bewältigen lasse, das Leiden am gebrochenen Herzen oder an der havarierten Karriere: Eine Art Meta-Rat immerhin findet sich darin – dass das Leben unter Anerkennung von Krisen ein besseres sein kann als jenes, in dem sie so gern geleugnet wurden. Vom angeblichen Nutzwert des blühenden Lebenshilfe-Buchmarkts bleibt es damit immer noch weit entfernt.  ALDI

"LeseFrühstück" des Literaturzentrums Hamburg: Sa, 24. 5., 11 Uhr, Literaturhaus Hamburg, Schwanenwik 38

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