Kontrolleurswarnung im Internet

Leichter schwarzfahren mit Facebook

Eine Facebook-Seite informiert, wo in Berliner U- und S-Bahnen gerade kontrolliert wird. Die BVG siehts gelassen.

Die Schwarzfahrer-Seite auf der Internetplattform facebook. Bild: screenshot facebook

Schwarz fährt Sebastian schon seit einem Jahr. Denn seitdem er nicht mehr Auszubildender ist, muss er den vollen Preis für die BVG-Monatskarte zahlen. Zu teuer, findet er. Zweimal wurde er seitdem erwischt. 80 Euro hat ihn das gekostet. Jetzt hat er Hilfe von Facebook. Vor einem Monat gründeten zwei 25-jährige Berliner die Facebook-Seite "Schwarzfahren Berlin". Inzwischen haben mehr als 9.800 Berliner den "Gefällt-mir-Button" gedrückt und melden via Smartphone auf der Facebook-Seite, auf welchen U- und S-Bahn-Linien Fahrgäste gerade kontrolliert werden.

So auch vor ein paar Tagen, als Sebastian gerade in der Ringbahn in Richtung Ostkreuz saß. Auf seinem iPhone las er die Beschreibung der Kontrolleure, die auf seiner Strecke unterwegs waren. "Ich habe sie gleich erkannt, bin ausgestiegen und habe mich in den nächsten Waggon gesetzt." Denn er habe die Erfahrung gemacht, dass Kontrolleure selten den Waggon wechseln. Eher fahren sie auf einer anderen Strecke weiter.

Ob auf diese Erfahrung Verlass ist, ist fraglich. "Wir haben ein ausgeklügeltes Kontrollsystem, das wir immer mal wieder durchbrechen", sagt Petra Reetz, Pressesprecherin der BVG. 200 Mitarbeiter kontrollieren täglich die 2,5 Millionen Menschen, die die öffentlichen Verkehrsmittel der BVG benutzen. In der Regel in BVG-Kleidung, manchmal aber auch in Zivil. Die Schwarzfahrerquote liegt seit Jahren bei ungefähr 4 Prozent. Rund 20 Millionen Euro Verluste macht die BVG dadurch jedes Jahr. Wer erwischt wird, zahlt 40 Euro Strafe. Wer mehrmals ohne Ticket fährt, muss mit einer Anzeige rechnen.

Um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein, distanzieren sich die Gründer bei Facebook vom Schwarzfahren: "Wer ohne Ticket fährt, macht sich strafbar. Wir unterstützen das nicht." Er wolle der BVG schließlich nichts Böses, sagt Karsten W., der zusammen mit seinem Freund Jonathan V. die Seite ins Leben gerufen hat. Überhaupt, ein ideologischer Gedanke spielte bei der Gründung keine Rolle. "Ich habe die Hamburger Schwarzfahrenseite gesehen und fand die Idee klasse", sagt der 25-Jährige, der in der Werbebranche tätig ist. "Es ist schön, dass sich die Menschen über das Internet helfen." Aus reinem Spaß sei inzwischen eine "halbernste Aktion" geworden, so Karsten W. Täglich kontrolliert er die Inhalte der Facebook-Seite. "Kommentare, in denen Leute beschimpft werden, und Fotos von Kontrolleuren fliegen raus."

BVG-Sprecherin Petra Reetz sieht der Entwicklung gelassen entgegen. Es sei ein ganz netter Gag, findet sie. "Aber ich glaube nicht, dass das Schwarzfahren deshalb zunimmt." Den meisten fehle die Zeit, um ihre Fahrt wegen der Kontrolleure zu unterbrechen oder einen Umweg zu wählen, glaubt Reetz. Außerdem seien wesentlich mehr Kontrolleure unterwegs, als auf der Facebook-Pinnwand angeben werden. Sie hofft, dass die Seite einen psychologischen Effekt auf die Nutzer haben wird. "Wer die Info bekommt, dass auf seiner Strecke kontrolliert wird, kauft sich vielleicht doch ein Ticket."

Ähnlich sehen das die Mitarbeiter der S-Bahn. "Seine Fahrten nach Facebook zu planen ist sicherlich sportlich, aber man kann seine Zeit auch besser nutzen und sich ein Ticket kaufen", sagt ein S-Bahn-Sprecher.

Sicher ist, dass selbst 9.800 Mitglieder zu wenig sind, um den Kontrolleuren dauerhaft zu entgehen, die ständig die Bahnen wechseln. Inzwischen gibt es zwar auch eine Smartphone-App, bei der die Nutzer die Standorte der Kontrolleure in eine Karte eintragen können. Aber in Berlin verwenden nur rund 700 Menschen das Programm, so der Erfinder Andreas V. Er tüftelt gerade an einer App, die auch iPhones benutzen können. "Dann hat die Karte weniger Lücken."

Finanzielle Hilfe könnte von Facebook-Seiten-Gründer Karsten W. kommen. Er plant, "Schwarzfahren-T-Shirts" zu verkaufen, deren Erlös unter anderem an erwischte Schwarzfahrer gehen soll.

Ob finanzielle Unterstützung, Facebook und Schwarzfahren-App hin oder her: Sebastian, der Schwarzfahrer seit einem Jahr, wird sich weiter gegen die BVG-Preise auflehnen und ohne gültiges Ticket durch Berlin fahren. "Die Facebook-Seite ist eine witzige Idee und hilft mir, Geld zu sparen."

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