Konflikt um Land in Nigeria: Das liebe und das böse Vieh

Es gibt immer weniger Weideland, das macht Viehhirten wie Farmern in Nigeria gleichermaßen zu schaffen. Ein Konflikt, der Menschen sterben lässt.

Seit Jahrhunderten ziehen die Fulani mit Rinder- und Ziegenherden durch Westafrika. In Nigeria wird das Weideland knapp. Bild: Katrin Gänsler

LAFIA taz | Der Wind weht leicht über das Feld. Noch sind die Pflanzen klein, und die Maiskolben lassen sich nicht einmal erahnen. Barnabas Alabi Gidinye geht in die Hocke, nickt zufrieden und sagt: „Das sieht gut aus.“ Noch einmal lässt er prüfend die Blätter durch seine Hände gleiten – das könnte eine ordentliche Ernte geben. Ganz passend fürs Land ist er nicht gekleidet mit seinem weißen Hemd, der weißen Hose und der schweren Uhr am linken Handgelenk. „Eigentlich arbeite ich ja auch in der Verwaltung in Lafia“, sagt er und lacht verlegen. Aber in seinem Herzen ist Barnabas Alabi Gidinye Farmer.

Wann immer ihm Zeit bleibt, begutachtet er seine kleinen Felder in Duduguru. Eine knappe Stunde braucht er mit dem Auto von Lafia, der Hauptstadt des Bundesstaates Nasarawa, in sein Dorf. Für das letzte holprige Stück der Straße wäre eigentlich ein Geländewagen gut. Die Schlaglöcher sind groß, und Gidinyes kleines Auto hüpft auf und ab. Doch ihn stört das nicht. Im Dorf hat er schließlich das, was er so mag. Ruhe. Den Geruch von frischer Erde und damit verbunden die Hoffnung auf einen guten Ertrag, nicht nur beim Mais, sondern auch beim Yams. „Dreh dich mal um, dort steht er“, sagt er auffordernd und zeigt auf Pflanzen, die aus kleinen Erdhügeln wachsen.

Die Yamswurzel schmeckt ein wenig nach Kartoffel und gehört in der Region zu den Grundnahrungsmitteln. Meist wird sie zu Brei zerstampft und als Pounded Yam zu den verschiedensten Soßen beigegeben. Oder der Yams wird in Scheiben geschnitten und frittiert. Eine besonders beliebte Art heißt auf Migili, der am meisten gesprochenen Sprache rund um Lafia, Mbakwase. Das bedeutet auch „schöne Frau“.

Zwei Dinge könnten die Ernte nun noch gefährden: schlechtes, feuchtes Wetter und die beige-weißen Kühe mit den Riesenhörnern, die in großen Herden durch die Gegend ziehen. Es ist das Vieh der Fulani, der Halbnomaden, das überall in Zentralnigeria auftaucht: an den Schnellstraßen, in den Vororten der Hauptstadt Abuja und natürlich auf den Äckern in ländlichen Regionen wie Nasarawa. Sobald die Farmer die Tiere nur sehen, sind sie schon alarmiert. Denn die Rinder zertrampeln Felder, fressen die zarten Pflanzen und vernichten schließlich Einkommen. Die meist jungen Viehhirten würden sich nicht um die Schäden scheren, sondern einfach weiterziehen, klagen die ortsansässigen Farmer. „Und wenn wir dann etwas dagegen unternehmen, kriegen wir richtig Probleme“, sagt Barnabas Alabi Gidinye und kneift die Augen zusammen. Kühe sind das Letzte, was er gerade gebrauchen könne.

Ein ignorierter Konflikt

Noch nie zuvor hatten die Fulani ein so schlechtes Image wie heute. Jede Woche sorgen sie in den nigerianischen Zeitungen für Schlagzeilen, wo es dann heißt: „Bewaffnete Viehhirten überfallen, plündern und töten ein ganzes Dorf.“ Mitunter wird der Konflikt auch als religiös begründet dargestellt. Fulani bekennen sich zum Islam, während die Farmer – je nach Region gehören sie unterschiedlichen ethnischen Gruppen an – meist Christen sind. Mitte Juli schätzte die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), dass in den ersten sechs Monaten des Jahres 2014 mindestens 522 Menschen bei diesen Auseinandersetzungen ums Leben gekommen sind.

Es ist gut möglich, dass die Opferzahl viel höher liegt. Blutig geworden ist der Konflikt auch, weil immer mehr Kleinwaffen – viele stammen aus Libyen – ins Land kommen, die einfach und für wenig Geld zu kaufen sind. Es ist durchaus möglich, dass auch bewaffnete Banditen die Überfälle verüben, um zu plündern und schlicht nur als „Viehhirten“ bezeichnet werden. Beobachter in Nigeria gehen davon aus, dass der Konflikt ebenso brisant und gefährlich ist wie die Terrorgruppe Boko Haram. Er wurde nur bisher erfolgreicher ignoriert.

Eine Konferenz in Kaduna soll das ändern. Überall in der nordnigerianischen Stadt stehen Polizeiautos, vor dem Konferenzhotel haben sich lange Schlangen gebildet. Die Sicherheitskontrollen sind scharf, auch wenn Präsident Goodluck Jonathan nicht selbst teilnimmt, sondern durch seinen Vize Namadi Sambo vertreten wird. Neben ihm gehören Emire, Parlamentsmitglieder, der Sicherheitsberater des Präsidenten, Vertreter der Fulani und der Farmer zu den Gästen. Endlich sollen Lösungen gefunden werden für einen Konflikt, der schon so lange schwelt.

Zu den eloquentesten Rednern gehört Nigerias Landwirtschaftsminister Akinwunmi Ayo Adesina. Er trägt einen dunklen Anzug und Fliege, seine äußere Erscheinung unterstreicht sein inhaltliches Anliegen: „Die Landwirtschaft muss modernisiert werden.“ Erreichen will er das durch moderne Rinderfarmen – statt der die Landschaft durchstreifenden Viehherden und Viehhirten. „Wir brauchen eine moderne Fleischindustrie“, sagt Adesina. „In Nigeria bewegen wir immer noch die Tiere durch das Land. Überall sonst auf der Welt wird das Fleisch bewegt.“

Jahrhundertealte Gepflogenheiten

Seit Jahrhunderten ziehen die Fulani mit ihren Herden durch ganz Westafrika. Viele von ihnen sind heute noch Halbnomaden. Ähnlich lange schon betreiben die Farmer Ackerbau. Nigeria erlebt ein rasantes Bevölkerungswachstum. In Afrikas Riesenstaat leben mittlerweile 170 Millionen Menschen. Als Nigeria 1960 unabhängig wurde, waren es gerade einmal 50 Millionen. Jedes kleinste Fleckchen Land wird bewirtschaftet. Für die Viehhirten bedeutet das: Die sogenannten Korridore, die sie einst für ihre Tiere zum Grasen hatten, werden zugebaut, von gutem Weideland ganz zu schweigen.

Wie sehr sich deshalb die Auseinandersetzungen zuspitzen, spüren auch die Mitarbeiter des Komitees für Gerechtigkeit, Entwicklung und Frieden (JDPC). Es hat seinen Sitz in der Stadt Lafia und gehört zur katholischen Kirche. „Die Entwicklung ist für uns alle überraschend“, sagt David Baka, katholischer Priester und JDPC-Leiter. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und schüttelt fast unmerklich den Kopf. Er beschreibt sich selbst als einen Jungen vom Land, der in einer durch und durch landwirtschaftlich geprägten Gegend aufgewachsen ist. „Die Schwierigkeiten, die es heute gibt, hatten wir damals nicht. Wenn zum Beispiel gefeiert wurde, waren die Fulani immer dabei. Mein Vater baute sogar ein Haus für sie, in dem sie ihre Habseligkeiten lassen konnten, wenn sie weite Strecken mit dem Vieh zurücklegten.“ Egal, ob man mit Farmern oder Fulani spricht, alle bestätigen das gute Zusammenleben, das es früher einmal gab.

Heute müssen Baka und seine Kollegen zwischen beiden Parteien vermitteln und laden deshalb regelmäßig zu Treffen ein. Dieses Mal ist auch Barnabas Alabi Gidinye gekommen. Bei Pounded Yam, Hühnchen und kleingeschnittener Wassermelone unterhält er sich mit Wakile Dangogo, der Fulani und Viehbesitzer ist. Hier in den JDPC-Räumen klappt es problemlos, und beide Männer sind sich nach dem gemeinsamen Essen einig: Gespräche helfen, um Konflikte gar nicht erst eskalieren zu lassen. Und eigentlich wissen beide Männer auch: Der Konflikt dreht sich um das immer knapper werdende Land in Nigeria.

Kühe sind Lebenseinstellung

Und er dreht sich um viele Vorurteile. Als Wakile Dangogo alleine ist und kein Farmer mehr neben ihm sitzt, erklärt er: „Heutzutage heißt es immer nur: die Fulani! Wenn sie uns irgendwo sehen, kommt das ganze Dorf angelaufen, um uns zu vertreiben.“ Dabei seien die Fulani doch friedliebend. „Wenn uns niemand angreift, tun wir auch nichts. Aber wenn doch, dann können wir uns das natürlich nicht gefallen lassen.“

Mit „uns“ meint Wakile Dangogo aber nicht nur andere Fulani, sondern auch das Vieh. Seine Augen leuchten, wenn man ihn danach fragt. Farmer spotten gerne, dass die Fulani zu Kindern werden, wenn es um das Vieh geht und sie es mehr achten würden als die eigenen Frauen. Kühe bedeuten für sie Besitz, Lebenseinstellung, Tradition. Dazu gehört bis heute, dass Fulani das Rind nicht auf Weiden oder in Ställen halten.

Mittlerweile gibt es zwar Fulani, die Land besitzen, doch in der Regel gehört es den Farmern – die wiederum meist keine Besitzurkunden darüber haben. Land wird von Generation zu Generation weitergegeben. Doch nicht immer akzeptieren die jungen Farmer beispielsweise die Schneisen für die Kühe, Kälber und Ziegen – oder sie erfahren zu wenig darüber.

Für ein Stück Papier nach Lafia?

Wieder in Duduguru zurück, weiß auch Barnabas Alabi Gidinye um diese Schwierigkeit. „Papiere“, lacht er, „nein, die haben doch nur die wenigsten Menschen.“ Er setzt sich unter einen großen Baum in den Schatten. „Hier im Ort gibt es viele Häuser, die zwei Zimmer haben und vielleicht 100.000 Naira wert sind“, erklärt er. Umgerechnet sind das keine 500 Euro. Mit anderen Worten, es wäre viel zu teuer und aufwändig, um für ein Stück Papier nach Lafia zu fahren. „Das macht nur jemand, der gebildet ist, Zeit und Geld hat.“

Bei der Vorstellung, irgendwann mal eine Rinderfarm zu bewirtschaften, wie es dem Landwirtschaftsminister vorschwebt, schüttelt auch Wakile Dangogo wild den Kopf. „Das wird schwierig für uns. Und vom wem sollten die Fulani die Flächen dafür bekommen?“

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