Kommunalwahl in Großbritannien

Aufruhr in Tory-England

Großbritanniens Konservative müssen ihre Hochburgen verteidigen – ausgerechnet jetzt, wo Theresa May den Brexit in den Sand gesetzt hat

Bedford: trügerische Tory-Idylle Foto: Daniel Zylberstzajn

BEDFORD/SWINDO/GRAVESEND/CUXTON taz | Der Brexit ist festgefahren, der Glaube der britischen Öffentlichkeit an die Politik liegt auf einem Tiefpunkt. Für manche sind die Konservativen nicht mehr glaubwürdig, für andere Labour, für viele sind es beide. Neue versuchen sich dem Volk anzubieten, so die proeuropäische Change UK oder Nigel Farages Brexit Party.

Diese beiden stehen aber erst bei den Europawahlen auf den Stimmzetteln und nicht, wenn an diesem Donnerstag in weiten Teilen Englands Kommunalwahlen stattfinden. Da geht es um Gemeindesteuern, leere Einkaufstraßen, Ortskrankenhäuser, Müllabfuhr und Sicherheit. Hier stellen sich nun die Altparteien dem Wahlvolk.

Bedford, 75 Kilometer nördlich von London, hat mit seinen 170.000 Einwohnern einen besonderen Status in Großbritannien. Wie hier gewählt wird, stimmt meistens mit der Ausrichtung des Landes als Ganzes überein. Beim Brexit-Referendum 2016 stimmte Bedford 52 zu 48 für den EU-Austritt, haargenau wie das ganze Land.

Die Verhältnisse im Stadtparlament gleichen jenen im Londoner Unterhaus: Niemand hat eine Mehrheit, die Konservativen liegen mit 15 zu 14 Sitzen knapp vor Labour, und es gibt elf andere, darunter neun Liberaldemokraten. Nur bei den Parlamentswahlen 2017 lag Bedford ausnahmsweise falsch, als Labours Mohammad Yasin mit nur 789 Stimmen Vorsprung den Wahlkreis holte. Daneben regiert jedoch ein Liberaldemokrat als Bürgermeister.

Bedford: Am besten gar nicht wählen

Wie verhalten sich jetzt die Wähler in Bedford? Eine Antwort lautet: Wahlboykott. Das Rentnerehepaar Claire, 75 und Ray 84, sie wollen wie so viele ihren Nachnamen nicht nennen, will nie wieder wählen.

Bauarbeiter in Bedford

„Ich wähle nur noch die Person, die macht, was sie sagt. Leute wie Trump“

Früher waren sie treue Tories. Ihre Stimme für den Brexit sei ihr letzter Akt in Sachen Demokratie gewesen, sagen sie. „Im Ausland lachen sich die Leute über uns Briten kaputt“, glaubt Claire.

Viele denken ähnlich. Martin Dodge, ein 57-jähriger Geschäftsmann in einem der vornehmen Stadtbezirke, meint, dass Labour und Konservative wegen der letzten drei Jahre Schocktherapie brauchen. „Vielleicht wähle ich bei den Europawahlen danach sogar Nigel Farage“, sagt er.

Nicht ungewöhnlich in Bedford ist auch die Meinung eines Bauarbeiters: „Mein Motto ist inzwischen so, dass ich nur noch die Person wähle, bei der ich glaube, dass sie macht, was sie sagt, ganz egal was. Leute wie Donald Trump.“

Bei Kommunal- und Europawahlen dürfen EU-Migranten mitwählen. „Ich wähle sozialistisch“, versichert der 40-jährige Italiener Claudio Bigani, der seit acht Monaten in Großbritannien lebt. Er meint Labour.

Thomas Moran, 47, aus dem benachbarten Luton glaubt auch an Labour – er ist in der Partei aktiv. Aber „es ist kaum mehr möglich, über irgendetwas anderes zu sprechen als Brexit“, sagt er.

Swindon: „Corbyn schon gar nicht“

Wer nach Konsequenzen des Brexit sucht, tippt auf Swindon, eine mittelgroße Stadt mit 182.000 Einwohnern zwischen Oxford und Bristol. Einst Labour-dominiert, regieren heute die Tories. Im Gegensatz zur gepflegten alten Festungsstadt Bedford hat Swindon etwas Verfallenes: Vom Stadtbild her scheint es weder für Drogensüchtige noch Obdachlose viel Hilfe zu geben, die Stadt hätte Erneuerung nötig.

Schlagzeilen machte im Februar die Schreckensmeldung, dass der japanische Autobauer Honda seine Präsenz beenden will – mit über 3.000 Arbeitsplätzen.

EU-Befürworter*Innen prangerten dies sofort als Konsequenz des Brexit an. Aber Honda dementierte, und keiner der in Swindon Befragten schiebt Hondas Rückzug auf den Brexit. Die Autoindustrie stecke in der Krise, sagen Livia Sutton, 64, und ihr Ehemann Ron, 67, pensionierte Sicherheitskraft.

Über die Kommunalwahlen befragt, verlieren sich die beiden in der Politik Westminsters. „Corbyn schon gar nicht“, urteilt Ron, der Exsoldat. Livia entpuppt sich als potentielle Farage-Wählerin.

Dan, 28, möchte gar nicht mehr wählen. Seine Stimme sei nur noch für echten gesellschaftlichen Wandel zu haben. „Die meisten Parteien nutzen die Ängste von Menschen mit wenig Bildung voll aus und schieben die Schuld auf Einwanderer“, findet er.

Gravesend: „Farage wäre gut“

Das Thema Brexit findet man eher in Kent südöstlich von London. In Gravesend an der Themse mit 106.000 Einwohnern, wo 2016 stolze 65,5 Prozent den Brexit wählten, hängen über der Haupteinkaufsstraße und vor dem Rathaus merklich viele rot-weiße Englandfahnen.

Senioren und Arbeitslose dominieren das Stadtbild. Auch hier ist der Glaube an die Politik untergegangen. Doch es liegt nicht nur an der Londoner Politik.

Gravesend: Konservativenchef Alistair Ellis im Conservative Club Foto: Daniel Zylbersztajn

Die hier dominanten Konservativen sind zerrissen: Der Großteil der konservativen Fraktion im Gemeindeparlament, darunter ihr Chef, hat mit Vorwürfen von Einschüchterung gegen ihre Kollegen die Partei verlassen und die Unabhängigen Konservativen gegründet, die sich aber auch untereinander streiten. Am Donnerstag machen sich verschiedene Tories gegenseitig Konkurrenz.

Im örtlichen konservativen Klubhaus mit seiner Bar für Mitglieder lässt der Vorsitzende dessen, was vom konservativen Ortsverband noch übrig ist, ordentlich Dampf über Theresa May ab. „Wir brauchen dringend einen echten, starken Führer, wie Maggie, oder Winston“, sagt der 80-jährige ehemalige Schöffe Alistair Ellis – Margaret Thatcher und Winston Churchill sind gemeint.

Danach nennt er Putin und Trump als beispielhaft und landet schließlich bei Hitler, der die deutsche Wirtschaft aus dem Abgrund geführt habe. „Wenn der nicht so ein Idiot gewesen wäre, wäre der gut für alle gewesen“, findet der Alte und fügt an: „Ja, Farage könnte ein guter Premierminister sein.“

Cuxton: „Genug von Machtspielchen“

Wohin steuert das konservative England? Eine Antwort mag 15 Kilometer hinter Graves­end zu finden sein, in der grünen 2.000-Seelen-Gemeinde Cuxton. „Wir hatten nach Jahren der Vetternwirtschaft der Tories und ihren Machtspielchen genug und gründeten unsere eigene Bürgerpartei“, erzählt die ehemalige Dozentin in Krankenpflege, Kay Hutchfield.

Cuxton: Selbstverwaltung durch die Bürger Foto: Daniel Zylbersztajn

ACT (Act for Cuxton Together – Für Cuxton gemeinsam handeln) nannten sie ihren Wählerverband. Angesichts der Aussicht, das Dorf nicht mehr alleine zu regieren, ließen die Konservativen ganz von ihrer Kandidatur ab, erzählt die 68-jährige Hutchfield.

So wurden die elf ACT-Kandidat*Innen vollkommen unangefochten die neuen Gemeindevertreter. Die Wahl am Donnerstag wurde für Cuxton unnötig und abgesagt.

„Wir wollten bewusst Leute, die frei denken und dafür bekannt sind, Dinge in Bewegung zu setzen“, erzählt Hutchfield. Nun ist Cuxton Englands erste und einzige Gemeinde, die parteiunabhängig von der Bevölkerung regiert wird, behauptet sie.

Nicht, dass es irgendjemand außerhalb Kents bisher bemerkt hätte. Aber auch wenn es auf dem Dorf oft nur um eine Ampel geht, oder um Züge, die nachts hupen, ist es ein politischer Neuanfang, der ansteckend sein könnte.

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