Kommentar: Der falsche Fortschritt

Präsident Lula will Brasilien an die Spitze des Weltmarktes für Biokraftstoffe bringen. Die Zerstörung des Regenwaldes schreitet damit weiter voran.

Brasiliens Landlosenbewegung MST stellt die richtigen Forderungen: Agrarreform statt Monokulturen für den Export, Biolandbau statt Gentechnik, ein nationales Entwicklungsprojekt statt der Vorherrschaft des Finanzkapitals. Präsident Lula, für dessen Wiederwahl sich die linken Aktivisten 2006 starkgemacht hatten, hat hingegen eine ganz andere Vision. Er möchte Brasilien zum Global Player auf dem Energiemarkt machen - mit Ethanol aus Zuckerrohr und Biodiesel aus Soja, Palmöl oder Rizinus. Dabei hat er das Agrobusiness ebenso auf seiner Seite wie das entwicklungspolitische Establishment, auch in Deutschland.

Finanzjongleure investieren Milliarden in den Ethanolboom und wollen dies auch noch als umweltpolitische Großtat verkaufen. In Wirklichkeit bedrohen Soja- und Zuckerrohrplantagen mehr denn je den Amazonas-Regenwald. Die Monokulturen sind der größte Feind von Artenvielfalt und Ernährungssicherheit. Den energieaufwändigen und umweltzerstörerischen Export von gar nicht oder nur gering veredelten Rohstoffen, den bereits die Militärdiktatoren der 70er- und die neoliberalen Regenten der 90er-Jahre betrieben hatten, setzt Lula mit aller Kraft fort. Ebenso eine "Landreform", die zum Großteil aus einer unsinnigen Kolonisierung Amazoniens besteht.

Die Armen, darunter viele Landlose, stellt er mit umfangreichen Hilfsprogrammen ruhig. An der extrem ungleichen Verteilung von Einkommen und Macht ändert sich dadurch kaum etwas. Dennoch wird die Landlosenbewegung dem einstigen Hoffnungsträger auch künftig in einer Art Hassliebe verbunden bleiben - schon, weil sie ihre Schlagkraft nicht nur eigener Aufbauarbeit, sondern auch Millionenbeträgen aus dem Staatssäckel verdankt. Zudem fördert Lula die kleinbäuerlichen Familienbetriebe stärker als jede bürgerliche Regierung.

Gegen den falschen Fortschrittsglauben im Biogewand setzt die MST mehr denn je auf politische Überzeugungsarbeit und "rot-grüne" Allianzen mit Umweltschützern, Verbrauchern und aufgeschlossenen PolitikerInnen, in Brasilien wie auch international. Das sind zwar nur kleine Schritte, aber immerhin. Die Debatte über den Klimawandel kommt ihr dabei zugute. GERHARD DILGER

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