■ Kommentar: Lodernde Lockung
Wirklich, die Gewerkschaft Nahrung, Genuß und Gaststätten hat echt den Durchblick. Von all den Lichterketten der letzten Wochen haben die Gewerkschafter sich nicht blenden lassen, sondern sind weitsichtig geworden. Ganz optimal haben sie den Nerv der Zeit erkannt und wollen ihre Erleuchtung zum Nutzen der Arbeiterklasse einsetzen. Brennen und lodern muß es, richtig fackeln, damit selbst der letzte Opa vor seiner Glotze merkt, daß hier arbeitskampfmäßig echt der Bär los ist. Schließlich ist Opa doch auch mal mit Fackel marschiert, so vor etwa sechzig Jahren. Wir ziehen medial die ganz große Nummer ab, bis die kapitalistischen Pfeffersäcke nur noch klein beigeben können, dachten sich die Vertreter der Arbeiterklasse: Fackelzug auf dem Kurfürstendamm zur Durchsetzung eines neuen Tarifvertrags, das isses! Schließlich weiß man ja, was man der Mediengesellschaft schuldig ist. Schließlich bringt nur der sein Anliegen richtig rüber, wer so richtig schön zuspitzen kann.
Deshalb darf man auch nicht zimperlich sein und vor angeblich instinktlosen Vergleichen und belasteten Symbolen zurückschrecken. Haben nicht vor wenigen Monaten ernsthafte Streiter für Tempo 30 und saubere Luft in der Stadt mit Bedacht davon gesprochen, daß Autofahrer „Massenmörder“ sind, die Kinder „vergasen“? Zack, das war doch ein Medien-Knaller. Oder der Ostberliner Stadtrat vom Bündnis 90, der die anstehenden Kita-Kürzungen ruckzuck mit der „Endlösung der Judenfrage“ gleichstellte. Das hatte doch Biß, der kam mit seiner Kritik am Senat voll rüber in der Presse. Deswegen ist es für die Beschäftigten auch eine „Katastrophe“, wenn bei den städtischen Büchereien eingespart werden soll — logo, wie willst du sonst auf Sendung kommen, wenn die Sache so verdammt graumäusig als schlichtes „Problem“ daherkommt. Nur Spielverderber lamentieren, Katastrophen sähen anders aus.
Was die Vorhut der Gaststättenwerker da mit der Fackelzug- Nummer hinlegt, ist deshalb echt zukunftsweisend. In der Idee ist noch mehr drin, das muß man knallhart ausbauen. Wie wäre es mit einem Hungerstreik für mehr Weihnachtsgeld? Absolut Klasse ins Bild käme auch eine von der Kirche inszenierte Kreuzigung für die Beibehaltung aller kirchlichen Feiertage. Und ganz prima erst ein massenhaftes Die-in gegen die von Bonn geplante Autobahn-Gebühr. Gerd Nowakowski
Siehe auch Bericht auf Seite 18
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