piwik no script img

Kommentar Vertrag mit den Muslimen Viel Symbol, wenig Praxis

Eiken Bruhn

Kommentar von

Eiken Bruhn

Der Vertrag zwischen Hamburg und den muslimischen Verbänden verändert wenig an der Realität.

D er gestern in Hamburg vorgestellte Vertrag mit den muslimischen Verbänden ist ein wichtiges Symbol. Erstmals haben es Muslime in Deutschland schriftlich: Ihr gehört dazu.

Wenn es aber ganz praktisch darum geht, die Bedürfnisse der Muslime so zu berücksichtigen wie die der anderen Religionsgemeinschaften, dann kann der Vertrag nur ein erster Schritt zur Gleichbehandlung sein. Denn der Vertrag enthält nichts, wodurch sich im Alltag der Muslime etwas ändern wird. Dass sie zukünftig an drei muslimischen Feiertagen freinehmen dürfen, ist nur dann von Belang, wenn ihnen ihr Arbeitgeber vorher den Urlaub verweigerte.

Eindeutige Antworten auf die Fragen, die vielen Muslimen auf den Nägeln brennen, gibt der Textentwurf nicht. So heißt es zwar, Frauen und Mädchen dürften nicht „wegen einer ihrer religiösen Überzeugung entsprechenden Bekleidung in ihrer Berufsausübung beschränkt werden“ – aber nur, solange dies nicht „ungerechtfertigt“ geschieht. Auf diese Weise lässt sich das Kopftuchverbot für Lehrerinnen aufrechterhalten.

Ähnlich aussagekräftig ist der Satz, in allen Rundfunkprogrammen sollen „die sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung einschließlich der muslimischen Bevölkerung geachtet werden“. Aber „unter Wahrung der verfassungsrechtlich garantierten Staatsferne des Rundfunks“.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Eiken Bruhn

Eiken Bruhn Redakteurin

Seit 2003 bei der taz als Redakteurin. Themenschwerpunkte: Soziales, Gender, Gesundheit. M.A. Kulturwissenschaft (Univ. Bremen), MSc Women's Studies (Univ. of Bristol); Alumna Heinrich-Böll-Stiftung; Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin; Lehrbeauftragte an der Univ. Bremen; SG-zertifizierte Systemische Beraterin; in Weiterbildung zur systemischen Therapeutin.
Mehr zum Thema

0 Kommentare