Kommentar Türkei: Erdogans Türkei

Erdogan genießt noch großen Rückhalt. Doch mit seinem starrsinnigen Verhalten riskiert er, sich um die Basis seines Erfolges zu bringen. Einen Buhmann hat er schon.

Lässt sich von seinen Anhängern feiern: Erdogan am Sonntag in Istanbul. Bild: ap

Es glich mehr einer Inszenierung, wie man sie von totalitären Regimes kennt, als das sie zu einem demokratisch gewählten Regierungschef gepasst hätte: Dies sei das „wahre Bild der Türkei“, behauptete der türkische Ministerpräsident Erdogan am Sonntag vor hunderttausenden Anhängern, die dazu eigens in einen Vorort von Istanbul gekarrt worden waren. Nach dem Motto: Wenn mir die Realität nicht gefällt, dann schaffe ich mir eben meine eigene.

Doch die Botschaft, die mit der imposanten Kulisse vermittelt werden sollte, ist auch nicht ganz falsch. Erdogan genießt noch immer viel Rückhalt.

Sein Erfolg beruht in erster Linie auf dem enormen wirtschaftlichen Wachstum in seiner Regierungszeit, von dem breite Schichten profitiert haben. Seine Anhänger, die überwiegend in den ländlichen Regionen der Türkei und den Vororten der großen Städte zu Hause sind, haben ihn auch nicht trotz, sondern gerade wegen seiner konservativ-religiösen Überzeugungen gewählt.

Und ein autoritärer Regierungsstil, wie ihn Erdogan jetzt offen pflegt, hat in der Türkei nicht nur Tradition, sondern findet traditionell auch Applaus. Nur, dass Erdogan mal mit dem Versprechen angetreten war, diese autoritären Traditionen zu überwinden.

Mit seinem harten Kurs ist Erdogan jetzt aber dabei, die Basis seines Erfolges zu verspielen. Die brutalen Szenen von Polizeigewalt sind kaum dazu angetan, den Tourismus in diesem Jahr anzukurbeln. Und Erdogans Gerede von einer ausländischen Verschwörung, die den wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes stoppen wolle, dürfte kaum dazu beitragen, das Vertrauen ausländischer Investoren zu befördern.

Aber wenn der Wirtschaftsaufschwung der Türkei darunter leiden und seine Partei bei den nächsten Wahlen für seinen Starrsinn abgestraft werden sollte, dann hat er jetzt zumindest schon mal einen Buhmann parat: die „Zinslobby“ war’s.

Einmal zahlen
.

Daniel Bax ist Autor und Journalist und schreibt zu Themen wie Migration, Integration und Religion, über Rassismus und Antisemitismus, Popkultur und globale Musik. 2015 erschien sein Buch “Angst ums Abendland” über antimuslimischen Rassismus. 2018 veröffentlichte er das Buch “Die Volksverführer. Warum Rechtspopulisten so erfolgreich sind.” Er war von 1998 bis 2017 Redakteur bei der taz und ist im Vorstand der Neuen deutschen Medienmacher*innen. Er lebt in Berlin.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben