Kommentar Streik bei Lufthansa: Solidarität macht mächtig

Der Streik bei der Lufthansa ist ein Gegenmodell zum Streik der Lokführer. Und er zeigt die Stärke der Gewerkschaften.

"Streik bei der Lufthansa am ersten Tag verpufft", "Wirkungsloser Streik frustriert Ver.di-Posten" - der Medientenor zu Beginn des Arbeitskampfes bei Deutschlands größter Fluggesellschaft war klar: Der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di) drohe eine Pleite. Manchem galt das als Beleg für die vermeintliche Schwäche der alten Massengewerkschaften gegenüber den schlagkräftigen Vereinigungen hochqualifizierter Berufsgruppen. Spätestens seit gestern - Streiktag Nummer vier - ist klar: Dieser Schluss war vorschnell.

Denn täglich strich die Lufthansa mehr Flüge, am Donnerstag kam das Unternehmen laut Ver.di auf die Gewerkschaft zu, um zu reden. Nun wird klar, dass die Folgen des Streiks erst nach Tagen sichtbar werden. Wenn ein Flugzeug 72 Stunden ohne Wartung fliegen kann, fällt es bei einem Streik der Techniker eben erst später aus. Außerdem ist die Wirkung des Ausstands nicht nur am Ausfall der Flüge, sondern vor allem am wirtschaftlichen Schaden für das Unternehmen zu messen - und der liegt nach Schätzungen bei 3 bis 5 Millionen Euro täglich, Tendenz steigend.

Das Problem: Solche abstrakten Zahlen und komplizierten Zusammenhänge können die Medien nur schwer vermitteln. Um einen Streik darzustellen, braucht das Fernsehen Bilder von genervten Passagieren, die auf Bänken in Flughäfen übernachten. Diese Bilder gab es am ersten Streiktag nicht, weil die Lufthansa alles daransetzte, um den Schein der Normalität aufrechtzuerhalten: Schon vor Beginn des Ausstandes hatte sie Bordverpflegung vorproduziert, mietete Flugzeuge an und ließ ihr Gerät später von externen Technikern warten. So konnten Konzern-Sprecher in der "Tagesschau" verkünden: Es ist Streik, das stört aber nicht.

Mit dieser gigantischen PR-Aktion wollte der Vorstand die Streikenden offenbar demoralisieren und so zur Aufgabe bewegen. Es ist gut, dass diese Strategie nicht funktioniert hat. Denn sonst wäre die Durchsetzungskraft nicht nur der Beschäftigten von Lufthansa, sondern der Arbeitnehmer allgemein geschwächt worden.

So aber könnte der Streik eine Demonstration dafür werden, dass Solidarität auch heute noch funktioniert. Wenn die für die Wartung zuständigen Techniker zusammen mit leicht zu ersetzenden Servicekräften streiken, können auch Letztere von höheren Lohnabschlüssen profitieren. Der Lufthansa-Streik könnte so zum Gegenmodell zu den Streiks der Lokführer, Piloten oder Ärzte werden, die sich Privilegien nur für sich erstritten. Ver.di hat jetzt die Chance, an Legitimität und damit an Schlagkraft zurückgewinnen. JOST MAURIN

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Jahrgang 1974. Er schreibt vor allem zu Ernährungsfragen – etwa über Agrarpolitik, Gentechnik, Pestizide, Verbraucherschutz und die Lebensmittelindustrie. 2018, 2017 und 2014 Journalistenpreis "Grüne Reportage". 2015 "Bester Zweiter" beim Deutschen Journalistenpreis. 2013 nominiert für den "Langen Atem". Bevor er zur taz kam, war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur Reuters und Volontär bei der Süddeutschen Zeitung.

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