Kommentar Serbien-Wahl: Kosovo bleibt ein Hemmschuh

Serbien hat sich mit Tadic für den Weg nach Europa entschieden. Dass das Kosovo jetzt unabhängig wird, ist unumgänglich - Kompromisse oder Zurückweichen helfen nicht weiter.

Es war ein knapper Sieg für Tadic. Aber es hätte schlimmer kommen können, denn den serbischen nationalistischen Radikalen fehlten nur wenige Stimmen zur Mehrheit. In Brüssel und der EU kann man erleichtert sein. Die Hoffnung auf die Integration in das Europa der EU gab letztlich bei vielen serbischen Wählern den Ausschlag, für Tadic zu stimmen. Die Perspektive Europa zieht also noch.

Doch Serbien hat die Krise deshalb noch nicht überwunden. Denn in der Regierung knistert es zwischen dem neuen und alten Präsidenten Boris Tadic und dem Ministerpräsidenten Vojislav Kostunica - nicht erst seit der letzten Woche, als Kostunica sich weigerte, eine Wahlempfehlung für Tadic abzugeben. Deshalb könnte die Regierung über kurz oder lang auseinanderfallen. Und dann prallen die beiden Lager wieder aufeinander.

Alles wäre leichter, wenn das Kosovo-Problem gelöst wäre. Mit der Mobilisierung nationaler Gefühle fällt es vielen schwer, den eigenen Interessen entsprechend politisch zu handeln. Wie auch in anderen Ländern Exjugoslawiens fehlt eine schlagkräftige Linke, die der Rechten bei den Modernisierungsverlierern das Wasser abgraben könnte. Doch mit dem andauernden Konflikt um das Kosovo stehen nicht die wirtschaftlichen und sozialen Fragen im Vordergrund, sondern die nationalen.

Für die Entwicklung Serbiens ist das ein Hemmschuh. Wenn jetzt in Europa wieder Stimmen laut werden, die Unabhängigkeit der Kosovaren auf dem Altar eines besseren Verhältnisses zu Serbien zu opfern, trägt das nur dazu bei, den Konflikt um das Kosovo in einer Endlosschleife zu verlängern. Statt sich von der Vergangenheit zu lösen und endlich Frieden mit gleichberechtigten Nachbarn zu machen, bliebe die serbische Gesellschaft auf ewig an diese Fessel gekettet.

Gerade wer das zivile und zukunftsgewandte Serbien stärken will, muss jetzt den Schnitt machen. Kompromisse und ein Zurückweichen helfen da nicht. Und: Auch jene, die unter der nationalistischen Politik der Serben in den letzten Jahrzehnten gelitten haben, wollen friedlich nach Europa.

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Geboren 1947 in Bad Berneck im Fichtelgebirge, ist taz-Korrespondent in Südosteuropa, wohnt in Sarajevo und in Split. Nach dem durch politische Aktivitäten in der Spontiszene garnierten Studium der Geschichte und Politik in München und Berlin, nach Absolvierung des I. und II. Staatsexamens und Forschungaufenthalten in Lateinamerika kam er 1983 als West- und Osteuroparedakteur zur taz. Ab 1991 als Kriegsreporter im ehemaligen Jugoslawien tätig, versucht er heute als Korrespondent, Publizist und Filmemacher zur Verständigung der Menschen in diesem Raum beizutragen. Letzte Bücher: Kosovo- die Geschichte eines Konflikts, Berlin 2010, Bosnien im Fokus, Berlin 2010, Schnittpunkt Sarajevo, Berlin 2006.

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