piwik no script img

Kommentar Rechte der Ur-Brasilianer Etappensieg für Indígenas

Andreas Behn

Kommentar von

Andreas Behn

Das Oberste Gericht in Brasília stärkt die Rechte der indigenen Bevölkerung. Und das ist ein Rückschlag für die Land­oligarchie und die Rohstoffindustrie.

G ute Nachrichten aus Brasilien sind leider rar geworden. Meist ist von zunehmender Gewalt, Wirtschaftskrise, Korruption und einem rasanten Rollback bei den so­zia­len Errungenschaften die Rede. Da ist es geradezu überraschend, dass das Oberste Gericht in Brasília jetzt in einem Grundsatzurteil die Rechte von Indígenas stärkt. Einstimmig wiesen die Richter Entschädigungsforderungen wegen angeblicher Enteignung bei der Einrichtung von Schutzgebieten zurück und bestätigten das Recht der ursprünglichen Bewohner auf heutige Besitztitel.

Es ist ein Rückschlag für die Land­oligarchie und die Rohstoffindustrie, die die Krise im Land zu einer Offensive gegen Schutzgebiete aller Art und andere Hindernisse ihrer weiteren Ausbreitung in der Amazonas­region nutzen.

Der Export von Soja oder Eisenerz hat für die Regierung Priorität, um das Wachstum anzukurbeln. Zudem ist der mehr als umstrittene Präsident Michel Temer angesichts einer Beliebtheitsquote von gerade mal fünf Prozent auf politische Rückendeckung der mächtigen Agrarierfraktion im Kongress angewiesen. Ende Juli gab er sogar die Devise aus, dass die Politik zu Schutzgebieten in Zukunft so restriktiv wie möglich gehandhabt werden solle.

Leidtragende dieser Offensive, die immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um Land führen, sind Indígenas, Kleinbauern – und auch die Natur. Das Urteil bedeutet für sie eine Verschnaufpause. Doch weitere strittige Verfahren stehen an. Die Behauptung, dass indigener Lebensstil ein Hemmnis für ökonomische Entwicklung ist, hat im konservativ gewendeten Brasilien geradezu Hochkonjunktur.

Der Oberste Richter Gilmar Mendes deutete in seiner Urteilsbegründung bereits an, dass das Entgegenkommen Grenzen habe müsse. Wenn nicht, dann müssten „wir eines Tages wohl auch die Copacabana den Indios zurückgeben“, warnte Mendes.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Andreas Behn

Andreas Behn Auslandskorrespondent Südamerika

Journalist und Soziologe, lebt seit neun Jahren in Rio de Janeiro und berichtet für Zeitungen, Agenturen und Radios aus der Region. Arbeitsschwerpunkt sind interkulturelle Medienprojekte wie der Nachrichtenpool Lateinamerika (Mexiko/Berlin) und Pulsar, die Presseagentur des Weltverbands Freier Radios (Amarc) in Lateinamerika.
Mehr zum Thema

0 Kommentare