Kommentar Räumung der Protest-Camps

Occupy geht weiter

Die Occupy-Bewegung hat mit ihren Fragen längst überfällige Dogmen hinweggefegt. Die Besetzer gehören nicht vor Gericht gestellt, ihnen gebührt Dank und Lob.

Das ist sicher: Die US-BesetzerInnen haben Historisches geleistet. In weniger als zwei Monaten haben sie den bleiernen Deckel gelüftet, der auf den zentralen Debatten der USA lag. Und dabei Dogmen über Bord gefegt, die alternativlos schienen.

Occupy hat Fragen gestellt, die längst überfällig waren - aber angesichts der Meinungshoheit rechter PolitikerInnen mit finanzstarken UnterstützerInnen untergingen. Die BesetzerInnen haben die extreme soziale Ungleichheit an den Pranger gestellt, den Einfluss großer Konzerne zum Thema gemacht.

Sie wollen Kriege beenden und die Umwelt retten. Und: Sie betrachten den Rest der Welt dabei als gleichberechtigte Partner.

Es ist die Summe dieser Punkte, die Occupy von früheren sozialen Bewegungen in den USA unterscheidet. Diese Bewegung meint das große Ganze. Sie sucht bei der Machtkonzentration an Wall Street und in den großen Konzernen nach der gemeinsamen Wurzel verschiedener Übel.

Dabei erwies es sich als Stärke, dass Occupy nicht aus den Minderheiten kam, sondern viele Schichten der US-Gesellschaft repräsentiert.

Gemeinsam ist den BesetzerInnen, dass die meisten zur Zeit des Mauerfalls zur Welt gekommen sind. Dass sie in einem Regime mit ultraliberaler Wirtschaftsdoktrin und daraus resultierenden Kriegen aufgewachsen sind. Und dass sie zuletzt an einen Präsidentschaftskandidaten geglaubt haben, der Veränderung versprach.

Als die nicht kam, haben die BesetzerInnen die Sache selbst in die Hand genommen. Haben die Tradition des gewaltfreien Widerstands genutzt und sich mit Fantasie und Witz und an jene Stelle begeben, an denen zuvor fähnchenschwingende, weiße, ältere Mittelschichtsangehörige die Themen diktierten. Dafür verdient Occupy Lob und Dank.

Die BesetzerInnen gehören nicht in die Hände von Polizisten, nicht in Handschellen und schon gar nicht in die Angeklagtenbänke vor Gericht. Sie sind Hoffnungsträger für ein ganzes Land.

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Kommt aus Köln. Ihre früheren journalistischen Stationen waren Mexiko-Stadt, Berlin und Paris. Seit 2010 ist sie taz-Korrespondentin in den USA. Sie lebt in New York.

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