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Kommentar Ölpreis Öl als Totschlagargument

Ulrike Herrmann

Kommentar von

Ulrike Herrmann

Der hohe Ölpreis ist praktisch, um Subventionen zu verlangen und hält als Erklärung für alle Wirtschaftsprobleme her. Dabei wird ein Sachzwang konstruiert, der Konflikte verschleiern soll.

Ulrike Herrmann ist Meinungsredakteurin der taz.

Viele Lobbyisten und auch Politiker scheinen nur darauf gewartet zu haben, dass der Ölpreis in die Höhe schießt. Denn unermüdlich werden nun neue Subventionen eingefordert. Die Spediteure verlangen, dass die Maut nicht erhöht wird. Die mittelständische Wirtschaft möchte, dass die Energiesteuern sinken. Und die CSU will die Pendlerpauschale wieder einführen. Entsprechend aufgeregt geraten die Horrorszenarien. Man kann sich heute kaum noch "Wirtschaftsführer" nennen, ohne nicht einen Verlust von bis zu 200.000 Arbeitsplätzen anzukündigen - wegen des hohen Ölpreises natürlich.

Aber der hohe Ölpreis ist nicht nur praktisch, um Subventionen zu verlangen. Er eignet sich auch als argumentative Allzweckwaffe, um jede Art von Wirtschaftsproblem zu erklären. Der Konsum in Deutschland zieht nicht an? Das muss am Ölpreis liegen. Der Aufschwung geht zu Ende? Hat bestimmt auch mit dem Ölpreis zu tun. Die Löhne steigen in Deutschland eher verhalten? Das müssen sie auch, sonst würden sie ja die Inflation anheizen - schließlich explodiert der Ölpreis. Da sind höhere Gehälter für die Unternehmer leider nicht mehr zu verkraften.

Naheliegende Fragen lassen sich mit dem Ölpreis bequem abwehren. So ist nicht mehr diskutierbar, ob die deutsche Wirtschaft nicht vielmehr daran krankt, dass seit 1995 die Reallöhne nicht mehr steigen - und das gesamte Wachstum nur noch den Kapitalbesitzern zugutegekommen ist.

Aber das sind ja recht abstrakte Erwägungen - der Ölpreis hingegen hat den Vorteil, als Argument intuitiv unmittelbar einleuchtend zu sein. Die Preisexplosion an der Tankstelle schmerzt jeden Autofahrer. Da fällt dann gar nicht mehr auf, dass die Energiekosten noch immer niedrig liegen, wenn man bedenkt, wie sehr die gesamtgesellschaftliche Kaufkraft seit den 70er-Jahren gestiegen ist.

Der "Ölpreis" hat beste Chancen, das Totschlagargument von der "Globalisierung" zu ersetzen, das auch nie etwas erklärt hat. In beiden Fällen besteht der Trick darin, einen angeblichen Sachzwang zu konstruieren, gegen den die Interessenkonflikte innerhalb der Gesellschaft zweitrangig erscheinen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Ulrike Herrmann

Ulrike Herrmann Wirtschaftsredakteurin

Ulrike ist seit 2000 bei der taz. Nebenher schreibt sie Bücher. Das neueste heißt "Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet" und erscheint am 12. März 2026.
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2 Kommentare

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  • M
    mueller

    Gehören jetzt Schreibfehler auch in die Argumentenkiste? ;) Siehe oben!

     

    Ich verstehe dieses als allgemeine Kritik an der Kritik, welche aus ihren Kommentar ersichtlich wird. Die Kritik soll zu einem kontrollierten Zusammenführen der Kreisläufe* des Wissen und des Wollens führen, nur ist das Resultat in der heutigen Situation & in seiner Konsequenz des Könnens und des Tuns ein Supergau. Bedarf es überhaupt in dieser Lage noch einer Kritik, oder wird der Mensch durch äußere Sachlagen gezwungen sein, sein Handeln zu korrigieren? Systeme welche am Rand ihrer maximalen Leistung stehen, sind von innen heraus kaum noch zu verändern. Eine mediale Kritik ist in diesem Sinne immer dem System innewohnend. Es braucht auf jeden Fall eine stärkere Entschlossenheit der "anständigen" Meinungsträger, eine absolute Fokussierung auf die Grundlagen der gesellschaftlichen Probleme und deren Ursachen. Alsdann wird eine Kritik im historischen Kontext Bestand haben und es wird eine Diskussionskultur geben, welche gegen sogn. Totschlagargumente immun ist.

     

    *Atomkraftwerke (Siedewasserreaktoren) haben genau wie das menschliche Hirn mindestens 2 von einander getrennte Kreisläufe. Kommt es zu Unregelmäßigkeiten, geschieht das Unfassbare. Selbst kleine Zwischenfälle sind auf verschieden Ebenen in der Lage große Probleme zu verursachen. Sie, Frau Hermann kommentieren das, was man seit vielen Jahren schon weiß (z.B. Rfikin, das Ende der Arbeit), oder zumindest wissen könnte, oder nicht wahrhaben will, oder nicht wahrhaben kann. Das Wissen hat kein Einfluss auf das Wollen, solange es durch äußere Umstände getrennt wird. Diese Diskussion welche die nichtigen Argumente des Gegenübers durch dessen Negierung für sich selbst gebraucht, ist - historisch betrachtet - obsolet. Natürlich mindert die Lohnstagnation die Kaufkraft der Angestellten, Spekulanten treiben die Preise und teures Öl & Energie mindert die Rentabilität von Dienstleistung & Warentransfers. Und was sagen die Besitzer von 55.511.373 Kraftfahrzeugen (in Deutschland) dazu? Im Gros werden sie wütend sein und irgendwas vor sich hin grummeln, so wie es Menschen eben tun. Und wenn es zur Kernschmelze kommt im Hirn? ...Verlieren Interessensgrundlagen in hierarchischer Gewichtung an Geltung.

  • CL
    Carl Ludwig Wilhelm

    Guten Morgen Frau Herrmann!

     

    Es aht sich da wohl ein Schreibfehler eingeschlichen?

     

    Statt

    "Da sind höhere Gehälter für die Unternehmer leider nicht mehr zu verkraften."

    soll es doch wohl heissen

    "Da sind leider höhere Gehälter nur für die Unternehmer zu verkraften."?