Kommentar Loveparade-Tragödie : Augen zu und durch
Druck, die Loveparade stattfinden zu lassen, kam allen Seiten. Jetzt darf es nicht bei einem möglichen Bauernopfer bleiben.
W arnungen gab es im Vorfeld viele: Nicht nur von ortskundigen Ravern, die vor dem Duisburger Tunnel als potenzieller Todesfalle warnten, sondern auch in der Verwaltung, bei Feuerwehr und Polizei. So groß waren die Bedenken, dass die letztgültige Genehmigung für die Veranstaltung erst am Samstagmorgen erteilt wurde, als schon die ersten zehntausend Besucher auf dem Weg zu dem Riesenrave waren.
Zu den Kritikern gehörte auch Bochums Expolizeipräsident Thomas Wenner: Er hatte bereits ein Jahr zuvor mit seinem Veto dafür gesorgt, dass die Loveparade in seiner Stadt abgesagt wurde. Viel zu klein für den Technotrubel seien die mittelgroßen Städte des Ruhrgebiets, befand der Polizist - zu schmal die Straßen, zu klein die Plätze, zu eng die Bahnhöfe. Wegen seiner Einwände musste sich Wenner damals als Sicherheitsfanatiker und Spaßbremse beschimpfen lassen. Seinen Kritikern antwortete er in einem offenen Brief, der mit den Worten endete: "Überleben ist wichtiger."
Dass Bochum die Loveparade im Jahr 2009 abgesagt hatte, steigerte den Druck auf Duisburg, diesmal keinen Rückzieher zu machen. Zumindest die Loveparade 2010 müsse unbedingt stattfinden, befand man in der Landesregierung, alles andere wäre "schlecht für das Image des Ruhrgebiets". Druck machten auch die Organisatoren von "Ruhr.2010". Trotz eines äußerst knappen Etats von gerade einmal 60 Millionen Euro wollte man nicht nur die Kulturhauptstadt Essen, sondern mit ihr gleich das ganze Revier glänzen lassen und europaweit als "unkonventionelle Metropole im Werden" zeigen. Dafür brauchte man kostengünstige Megaevents wie die Loveparade in Duisburg, die "schöne Bilder" liefern sollten.
Der Druck hatte Erfolg: Skeptische Polizeipräsidenten wie Duisburgs ehemaliger Polizeipräsident, der wie Wenner Sicherheitsbedenken gegen die Raves im Ruhrgebiet geltend gemacht hatte, wurden in den Ruhestand befördert; zuvor hatte der Duisburger CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg seine Ablösung gefordert.
Duisburgs Oberbürgermeister hat das Desaster in Kauf genommen. Seinen Rücktritt fordern immer mehr Menschen, nicht nur im Ruhrgebiet. Doch bei diesem Bauernopfer darf es nicht bleiben. Restlos geklärt werden muss, wer noch dafür verantwortlich war, dass in Duisburg 20 Menschen sterben mussten.
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