Kommentar Lehren aus dem Fall Lügde

Nicht länger die Augen wischen

Das Versagen staatlicher Organe im Fall Lügde ist unerklärlich. In diesem gewaltigen Skandal liegt aber auch eine Chance.

Hinter einem Zaun mit Absperrband steht ein Wohnwagen eines Angeklagten im Prozess wegen Kindsmissbrauch in Lügde

Wegschauen ist bei Kindesmissbrauch oft der erste Impuls Foto: dpa

BERLIN taz | In einer Dokumentation der ARD zum Missbrauchsskandal von Lügde ist eine Szene zu sehen, die sehr aufschlussreich ist. Herbert Reul, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, besucht das Landeskriminalamt Düsseldorf, um mit Beamten zu sprechen, die auf Kindesmissbrauch spezialisiert sind. Ein Polizist zeigt ihm kinderpornografisches Videomaterial, dass sie dort auswerten müssen. Ein Kleinkind schreit erbärmlich. Reul, fassungslos, fährt sich mit den Händen über die Augen. Sein Impuls: wegschauen, weil es schlicht unerträglich ist.

Genau das ist bei Straftaten wie denen von Lügde das Problem. Sie sind zu grauenhaft und entgegen dem menschlichen Instinkt, Kinder zu beschützen, um sie als Teil der Realität einordnen zu können. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, dass „der nette Addi vom Campingplatz“, der alleinstehend und vielleicht ein Außenseiter und Sonderling ist, gleich ein Pädophiler sein soll.

Doch er war es und mit ihm gleich noch zwei weitere Männer, die offenbar untereinander keine Hemmungen hatten, sich zu offenbaren. Nicht allein ihr Missbrauch – mehr als 1.000 Einzeltaten und mindestens 23 Opfer – macht den Fall von Lügde einzigartig in der deutschen Kriminalgeschichte.

Es ist vor allem das Versagen der staatlichen Organe. Allein, dass einem Mann ohne richtige Wohnung vom Jugendamt ein Pflegekind überlassen wird, ist unerklärlich. Oder dass ein ganzer Koffer voller Beweismaterial in Form von DVDs aus dem Polizeirevier verschwunden ist.

Jeder muss hinsehen, jeder muss es erkennen

Der Skandal ist so gewaltig, dass darin auch eine Chance auf einen grundsätzlichen Wandel liegt. Das Thema Kindesmissbrauch ist durch den Prozess und den Untersuchungsausschuss inzwischen nicht nur in Nordrhein-Westfalen ganz oben auf der politischen Agenda.

Statt entsetzt wegzusehen, müssten nicht nur dem Kinderschutzbund, sondern auch jedem Polizisten und jeder Polizistin, jedem Beschäftigten an einer Schule, allen Erzieher*innen im Allgemeinen und Eltern im Besonderen klar sein, wie die Anzeichen für Missbrauch genau zu erkennen sind und was bei solchen Anzeichen zu tun ist. Denn man sollte sich nichts vormachen: Statistisch kennt jeder einen Menschen mit pädophilen Neigungen.

Dass die Täter vom Campingplatz nun geständig sind und hoffentlich für möglichst lange Zeit weggesperrt und später sicherungsverwahrt werden, ist nur ein schwacher Trost. Der Missbrauch von Lügde hätte schon vor zwei Jahrzehnten bemerkt und aufgeklärt werden können, wenn tatsächlich ermittelt worden wäre. Dass dies nicht geschah, bleibt unverzeihlich.

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