Kommentar Kandahar : Rechtlos in Kandahar
Es ist nur schwer vorstellbar, dass Karsai zur Durchsetzung von Recht und Gesetz in Afghanistan veranlasst werden kann, wenn seine auswärtigen Unterstützer selbst zu deren Aushebelung beitragen.
Gestern führten die Taliban zum dritten Mal in nur sechs Monaten vor, wie schwach die afghanischen Sicherheitskräfte noch sind. Dabei wurden diese unlängst beim Nato-Gipfel in Bukarest und zuletzt bei der Afghanistankonferenz in Paris für ihre Fortschritte gepriesen. Zuerst erfolgte die Attacke im Januar auf ein Luxushotel inmitten von Kabul. Dann kam Ende April der Beschuss der VIP-Tribüne während einer Parade; Präsident Karsai wurde nur knapp verfehlt. Und nun der fast ungehinderte Sturm auf das Provinzgefängnis von Kandahar. Das lässt auch die Spendentöpfe in Moscheen und islamistischen Parteibüros zwischen Kuwait und Karatschi klingeln. Sie übrigens dürften mehr Gelder für die Finanzierung der Taliban abwerfen als die viel zitierten Opiumfelder.
Gleichzeitig untergraben die Taliban so weiter das Ansehen Karsais. Der wurde zwar mit westlicher Hilfe ins Amt gehievt, steht nun aber wegen Korruption und Unfähigkeit seiner Administration zunehmend unter Beschuss. Vieles an der Kritik ist zwar berechtigt, gleichzeitig haben die Kritiker selbst zu lange über solche Missstände wohlwollend hinweggesehen. Wie kann es nämlich sein, dass unsägliche Zustände in Kandahar sowie in anderen Gefängnissen, Folter und mangelnder Zugang zu Verteidigern so lange unbemerkt bleiben, bis die Gefangenen meutern? Was treiben eigentlich die ausländischen Mentoren und Berater? Es ist auch bekannt, dass gerade US-Truppen - im Isaf-Rahmen und außerhalb - mit Milizen kooperieren, die von Karsai persönlich per Gesetz verboten wurden. Diese Kooperation sichert ihnen Straflosigkeit zu, wenn sie wirkliche, aber auch vermeintliche Taliban verhaften, foltern und für deren Verschickung nach Guantánamo sorgen. In manchen Gegenden ersetzen Milizen sogar die durchaus vorhandene reguläre Polizei und werden besser bezahlt als diese.
Es ist nur schwer vorstellbar, dass Karsai zur Durchsetzung von Recht und Gesetz in Afghanistan veranlasst werden kann, wenn seine auswärtigen Unterstützer selbst zu deren Aushebelung beitragen. THOMAS RUTTIG
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert