Kommentar Kachelmann vs. „Bild“

In wessen Interesse nochmal?

Jörg Kachelmann erhält Schmerzensgeld. Die Aufarbeitung des medialen Umgangs mit ihm sollte aber außerhalb der Gerichte stattfinden.

Der Anwalt von Jörg Kachelmann wird von Journalisten umringt

Mittendrin im Medienzirkus: Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn im Mai 2011 vor dem Mannheimer Gericht. Foto: reuters

Nein, liebe Bild-KollegInnen, Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen, Sie haben diesen Prozess nicht gewonnen. Auch wenn Sie titeln, dass „Keine Millionen für Kachelmann“ (bild.de) fließen würden, oder dass die „Millionen-Forderung weitgehend zurückgewiesen“ (Springer-Pressemitteilung) worden sei, bleibt bestehen: Das Landgericht Köln hat auf 635.000 Euro Schmerzensgeld für Jörg Kachelmann entschieden. Für Jörg Kachelmann.

Natürlich wird Springer in Berufung gehen, denn „es liegt weder im Interesse einer freien Presse noch der Öffentlichkeit, dass Medien irrwitzige Geldentschädigungen zahlen müssen“, wie ein Konzernjurist verlauten ließ.

Doch was lag überhaupt im Interesse der Öffentlichkeit beim Kachelmann-Prozess? Von dem, was medial rund um das Verfahren in den Jahren 2010 und 2011 passiert ist, nicht viel.

Wenn Zeit-Autorin Sabine Rückert der Verteidigung das Engagement eines weiteren Anwalts ans Herz legt; wenn eben jener Verteidiger Johann Schwenn nach dem gewonnenen Strafprozess die Arbeit der Zeit und des Spiegels lobt; wenn sich auf der anderen Seite Alice Schwarzer der Titten-Bild an den Hals schmeißt, nur um die vermeintlich größte Bühne für ihre Auftritte gegen Kachelmann zu haben; und wenn Burdas Bunte einer Exgeliebten 50.000 Euro für ein Exklusivinterview zahlt, dann lag das mal im Interesse der einzelnen AutorInnen, mal im Interesse der Verlage und mal im Interesse der Prozessbeteiligten. Aber so gut wie nie im Interesse der Öffentlichkeit.

Es ist mit Sicherheit befriedigend für Kachelmann, nun eine derart hohe Entschädigungssumme zugesprochen bekommen zu haben. Doch die grundsätzliche Aufarbeitung der Minderleistung der Medien müsste außerhalb der Gerichte stattfinden. Ganz im Sinne Kachelmanns und ganz im Sinne Springers – schließlich kämpft der Konzern ja weiter im Interesse der Öffentlichkeit.

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Seit 2008 bei der taz. Davor: Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig studiert. Dazwischen: Gelernt an der Axel Springer Akademie in Berlin. Mittlerweile: Ressortleiter tazzwei/Medien.

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