Kommentar Finanzkrise : Erst aufklären, dann aufräumen
Über die Gefahren der Finanzkrise müssen auch die sprichwörtlichen kleinen Leute aufgeklärt werden, nicht nur Minister und Finanzinvestoren mit Zugang zu exklusiven Informationen.
"Keine Panik!", schallt es aus jedem Ministermund angesichts der abstürzenden Börsenkurse. Auch George W. Bush hatte in seiner aktuellen Ansprache nichts anderes zu sagen. Jedes Medium solle sich daher gut überlegen, ob es zu einer Verstärkung der Angstspirale beiträgt.
Das ist richtig, Panikmache ist nie gut. Aber wir reden nicht über einen Börsenschluckauf, wir reden über einen wahren Einbruch. Der US-Index Dow Jones und der deutsche DAX verloren seit Beginn der Krise Mitte September über 30 Prozent an Wert. Im Jahre 1929 beim Crash zum Beginn der großen Wirtschaftskrise verschwanden in den ersten zwei Wochen 40 Prozent des Kapitals, bei der Ölkrise in den 70er-Jahren gab es ähnliche Verluste. Wir bewegen uns also wirklich auf der ganz großen Wirtschaftsbühne.
Über diese Gefahren müssen auch die sprichwörtlichen kleinen Leute aufgeklärt werden, nicht nur Minister und Finanzinvestoren mit Zugang zu exklusiven Informationen. Wenn wir schon auf eine schwere Wirtschaftskrise zusteuern - und daran zweifelt kaum noch einer -, muss sich jeder darauf einstellen können. Nur wenn jedem klar ist, wie schlimm die Aufräumarbeiten der Finanzkrise werden dürften, entfaltet sich auch der nötige politische Druck. Denn die Krise sollte unbedingt genutzt werden, die eigentlichen Ursachen dieser Misere anzugehen: die Wetten in riesigen Maßstäben im internationalen Finanzsektor, die Steueroasen und Briefkastenfirmen, die eine Verfolgung der Finanzströme unmöglich machen. Auch die immer komplizierteren "strukturierten Finanzinstrumente", die in keinen Bilanzen auftauchen müssen, geschweige denn sofort offen deklariert werden.
Hier muss gehandelt werden, bevor sich der Finanzsektor gefangen hat und wie in der Vergangenheit seine ungeheure Lobbymacht wieder entfaltet und Politik und Öffentlichkeit mit immer neuen Nebelwerfern ablenkt. Denn natürlich brauchen wir eine internationale Finanzindustrie. Aber sie muss neu organisiert werden - nach kontrollierbaren Regeln. Bisher war sie darauf ausgelegt, dass zuletzt die Masse der Anleger die Dummen waren. Da ist es kein Wunder, dass beim Platzen einer Kreditblase Panik ausbricht.
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