Kommentar Aufstand in Libyen: Die Stunde der Stämme

Den Osten Libyens wird Gaddafi nicht mehr zurück erobern können. Es gibt keine Institution, die nach seinem Sturz den Übergang organisieren könnte. Nur die Stämme.

Die Schlinge um Muammar al-Gaddafis Hals wird immer enger. Im Osten des Landes konsolidiert sich die Revolution, die Aufständischen bilden Städtekomitees, um das tägliche Leben zu organisieren, von der Straßensperre bis zur Regelung des Verkehrs und Reinigung der Straßen. Den Osten, wie die Stadt Bengasi und Tobruk, wird das Regime kaum mehr zurückerobern, denn es ist zu sehr damit beschäftigt, um sein Überleben im Westen des Landes zu kämpfen.

Mit jedem Meter, den die Demonstranten in den westlichen Städten und vor allem in Tripolis erobern, wird das von Gaddafi an die Wand gemalte Al-Qaida-Gespenst absurder.

Es ist einsam geworden um den Mann im alten Auto mit dem grünen Regenschirm. Doch was geschieht nach Gaddafi? Anders als in Tunesien und Ägypten gibt es in Libyen keine funktionierende Armee mehr, die mit ihren Panzern die Lage stabilisieren könnte, um dann eine Übergangszeit zu organisieren, die zu freien Wahlen führt. Die libysche Armee ist entweder diskreditiert, weil sie sich auf die Seite Gaddafi gestellt hat, oder desolat, weil viele Einheiten desertiert oder übergelaufen sind.

Es gibt auch keine starke libysche Opposition, die in die Bresche springen könnte. Die einzige funktionierende Institution im Land werden in der Nach-Gaddafi-Zeit die Stämme sein, denen die Aufgabe zukommt, trotz divergierender Interessen das Land zusammenzuhalten und für Sicherheit und Frieden zu sorgen, um am Ende ihre Macht an eine demokratische Regierung abzugeben. So führt der Weg nach vorn zunächst über einen Schritt zurück zur Stammesgesellschaft.

Libyen ist nicht nur die bisher blutigste arabische Revolution, es wird aller Voraussicht nach auch die turbulenteste Nach-Diktator-Zeit erleben.

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