Kommentar Aufstand in Libyen : Stillstand oder Gegenangriff?
Entweder mauert Gaddafi sich ein und weigert sich weiterhin, zurückzutreten. Oder er schlägt zurück und greift die verlorenen Regionen an.
L ibyen stellt sich derzeit als ein gespaltenes Land dar. Seit zwölf Tagen kontrollieren die Gegner von Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi den Osten des Landes und übernehmen immer mehr Städte südwestlich von Tripolis. Dies kann zweierlei zur Folge haben: Das Regime mauert sich in der Hauptstadt und Umgebung sowie der Region Sirte ein. Dies könnte eine länger andauernde Situation des Stillstands nach sich ziehen, falls Gaddafi sich weiterhin hartnäckig weigert, abzutreten.
Andererseits könnte das Regime versuchen, verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Die Rebellen im Westen bereiten sich derzeit auf einen solchen Gegenangriff vor. Die Mobilisierung von Anhängern des Regimes mit materiellen Anreizen können in diese Richtung weisen, aber auch zur Stärkung der Verteidigungslinien dienen. Und die Geldgeschenke für Staatsangestellte sollen, wenn nicht die Loyalität, so wenigstens ein Stillhalten der Bevölkerung in den verbliebenen Hochburgen erkaufen.
Solange die Rebellen im Osten sich im Wesentlichen einig bleiben, ist es derzeit, auch wegen des Überlaufens von Teilen der Armee, schwer vorstellbar, dass das Regime die Region im Osten das Landes zurückerobert. Ein solcher Versuch wie auch massive Angriffe auf die Rebellen im Westen würden auf internationaler Ebene zu einer verstärkten Diskussion über ein militärisches Eingreifen führen.
ist Redakteurin im Ressort Ausland der taz.
Zwar zeigen sich in Bengasi erste Friktionen über eine alternative Führung. Nach Jahrzehnten ohne unabhängige Organisationen ist das aber nicht überraschend. Differenzen und Rivalitäten bei den Modalitäten des Übergangs gibt es auch anderswo. Die zügigen Ansätze, eine neue Selbstverwaltung aufzubauen, weisen zunächst einmal in die richtige Richtung.
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert