piwik no script img

Kommentar Anti-Macron-Proteste Das Gesicht der Bewegung

Kommentar von

Rudolf Balmer

Mélenchon gegen Macron: Der Streit um das französische Arbeitrecht ist personifiziert. Zum ersten Mal geht Macrons Rechnung vielleicht nicht auf.

B isher gingen Emmanuel Macrons Rechnungen auf. Das Timing seiner Wahlkampagne war nahezu perfekt. Er hatte seine Gegner samt und sonders schachmatt gesetzt. Bei der Umsetzung der angekündigten Reformen aber ist er nicht nur mit anderen Gegnern, sondern auch mit einer gesellschaftlichen Realität konfrontiert, die er nicht mit einem besonders geschickten Zug oder der taktischen Besetzung des Mittelfelds austricksen kann.

Es gibt zudem in Frankreich eine Erkenntnis aus den Sozialkonflikten der letzten zwanzig Jahre, wonach jede Reform in der Gesellschaft Widerstände aus unterschiedlichen Interessen provoziert, die am Ende immer eine politische Mehrheit ergeben können. Ob daraus aber auch eine breite Mobilisierung mit gemeinsamer Stoßrichtung wird, welche die Regierenden zum Nachgeben zwingen kann, hängt weitgehend vom zeitlichen Ablauf ab.

Darum macht Macron Tempo: Er will seinen Gegnern keine Zeit geben. Auf der Gegenseite hat aber auch Jean-Luc Mélenchon mit seinen „Unbeugsamen“ einen ersten Erfolg erzielt: Mehrere Zehntausend Macron-Gegner haben demonstriert.

Die nächste Stufe müsste sein, die bisher separat marschierenden Gegner der Macron-Reformen gemeinsam auf die Straße zu bringen. Zum Beispiel eine Million auf der Avenue des Champs-Élysées, wie Mélenchon bereits ankündigt. Ein Mittel zur politischen Polarisierung ist die Personifizierung des sozialen Streits: Mélenchon kontra Macron. So vereinfachend sehen das auch die französischen Medien.

Damit hat die Bewegung ein Gesicht und einen Namen, hinter der sich Macrons Gegner sammeln könnten. Das macht vieles leichter, hat aber auch einen Haken: Denn die Gewerkschaften und viele andere Gegner eines neoliberalen Sozialstaatsabbaus können sich nicht mit dem Volkstribun identifizieren. Ihnen ist die politische Instrumentalisierung des sozialen Widerstands durch Mélenchon suspekt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Rudolf Balmer Auslandskorrespondent Frankreich

Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft, gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien).
Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • Pink

    Er mag schon Recht haben, aber plötzlich bleu blanc rouge ... warum erst jetzt ?

  • nzuli sana

    Mélenchon und Chantal Mouffe sind konservative Spießer.

    Aber die Verschlechterung der Arbeiterrechte sind zu bekämpfen - auch hier.