Kolumne: An der gaaanz langen Leine

In den USA wird sogar das Aufhängen der Wäsche zum subversiven Akt - und zum Geschäft.

Ich bin schon ein gutes Stück weitergekommen. Die US-Amerikaner auch. Vor anderthalb Jahren hatte ich mich an dieser Stelle beklagt und gewundert, dass es im Land des unbegrenzten Konsums, meiner neuen Heimat USA, weder Wischlappen noch Wäscheständer gebe. Nach Al Gores unbequemen Wahrheiten und einer neuen Hybrid-Motor-Mode von Massachusetts bis Monterey gibt es zwar immer noch keine, aber es gibt dazu immerhin eine Homepage.

Ich wäre sicher nicht auf die Idee gekommen, nach etwas so Banalem wie einer Wäscheleine im Internet zu suchen, aber nasse Wäsche aufhängen, womöglich mit Wäscheklammern, ist neuerdings ein seriöses Gesprächsthema bei den Grillabenden meiner Freunde. Denn auf einmal ist in den USA grün geradezu "überhipp". Man zitiert die Liste der "51 Dinge, die Sie tun können" der Time-Magazin-Ausgabe mit dem "Global Warming Survival Guide".

Man hat sich daraus die Zahl gemerkt, dass ein T-Shirt in seiner Lebenszeit bis zu 9 Pfund, also 4,082 Kilogramm Kohlendioxid allein durch Waschen und Trocknen im Wäschetrockner produziert. Katie und Gwenda erzählten neulich nostalgisch vom gemeinsamen Wäscheaufhängen mit Omi im Garten der Farm, von der sie kommen.

90 Prozent des durch Kleidung generierten Kohlendioxids ließe sich so konsequent reduzieren, wissen heute schon alle meine Freunde.

Doch, leider, im Land der Freiheit ist es ein weiter Weg vom Unsinnigen zum Naheliegenden. Wie in meinem Apartmenthaus ist es auch bei John, Robin und Gwenda: Sichtbares Wäscheaufhängen ist streng verboten. Die rund 300.000 Hausbesitzer-Vereinigungen der USA, die das Leben von landesweit rund 60 Millionen Mietern und Wohnungsbesitzern regeln, sind wäscheleinenfeindlich, ergibt die Recherche einer US-Tageszeitung. Wäscheleinen seien ein deutliches Zeichen von Armut, bestätigt eine Hollywood-Set-Dekorateurin in einem Interview. Sie hatte für den Film "Pearl Harbor" extra eine Wäscheleine gestylt. Und Sonntagskolumnistinnen berichten von unzufriedenen Ehemännern und Kiddies, die die brettharten luftgetrockneten Handtücher unter Androhung von Liebesentzug boykottieren.

Zum Glück führte mich neulich die kleine Nachricht, dass in Concord, New Hampshire, ein nationaler "Hanging-out"-Tag nichts Geringerem als der Wäscheleine gewidmet sei, zu einer mir bis dahin verborgen gebliebenen Untergrundbewegung. Dem "laundry underground", also der US-Öko-Wäscheszene. Virtueller Marktplatz dieser zweifellos wachsenden Avantgarde ist besagte Homepage.

Die betreibt ein 32 Jahre alter Rechtsanwalt und Wäscheleinen-Aktivist Namens Alexander Lee aus Concord. Die Web-Seite, laundrylist.org, befasst sich mit Kunst, Kultur und Konsum rund um die Wäscheleine und verficht das Credo eines allgemeinen "Rechts zum Trocknen". Wie schon mit dem Kaffee, den wir Europäer einfach nur trinken, und der Frikadelle, die wir einfach nur essen, die die US-Wirtschaft hingegen zu Ikonen des Lebensstils und zu globalen Produkten machte, sehe ich laundrylist.org schon zum globalisierten Wäscheleinen-Imperium heranwachsen.

Denn während ich in dem Ding bislang nur ein Stück praktischer plastikumhüllter Schnur gesehen habe, bietet Lees Internetportal nicht nur einen Bestellkatalog weltweit verfügbarer Wäschetrockner-Modelle. Nein, auch das Buch zur Schnur und die Musik zum Aufhängen werden dort vorgestellt. Wer das Kulturgut "nasse Wäsche" auch noch künstlerisch ausgelotet haben möchte, dem bietet unter anderen die Fotokünstlerin Annalisa Parent Einblicke in ihr umfangreiches Schaffen zu Wäscheleinen. Grafiken und Aquarelle rund um die Schnur können erstanden werden.

So, liebe Europäer, macht man das heutzutage! Nicht einfach, dummdidumm, Muttis Wäschespinne behängen. Nein, es winkt big business mit Öko, McBucks für die globale Waschküche. Na, jetzt werden Sie die Plastikschnur hoffentlich mit amerikanischen Augen sehen!

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