Kolumne Parallelgesellschaften: Was man sehen will, das sieht man

Warum erkennen Linke eigentlich dauernd nur das Schlechte? Hat sich nicht vieles gebessert?

Eigentlich ist jeder und jede eine Parallelgesellschaft für sich. Was eineR sieht, ist nie das Gleiche wie das, was einE andereR in den Blick genommen zu haben glaubt. JedeR ist ein Universum - das mag man göttlich nennen, und das könnte der Kern dessen sein, was das Christliche uns sagen möchte. Wer sagt, in Deutschland lebten Parallelgesellschaften, vor allem solche muslimischer Prägung, weiß nicht, wie es in anderen Teilen der Welt aussieht, wo echte Segregationen zu verzeichnen sind. Also: Schluss mit der Debatte um Muslimisches. Sie langweilt. Die einen sagen, ist doch alles kein Problem - was Unfug ist -, die anderen, alles sei ein Problem, was sich auf Allah reimt, was auch nichts als Dünnsinn ergibt. Kurzum: Neukölln ist schön. Wer es dort schafft, packt es überall.

Andererseits. Finde ich, dass sich die Welt doch teilt in zwei Gesellschaften, die einander in größtem Unverständnis gegenüberstehen. Die einen erkennen ein zu 50 Prozent gefülltes Glas irgendwie immer als halb gefüllt, die anderen als bereits fast geleert. Die anderen sehen in der Zukunft ein mögliches Allerlei, die anderen fürchten genau diese, weil sie Verhängnis birgt und überhaupt alle Übel, die die Welt noch bringen könnte. Das sind Apokalyptiker, Jenseitssucher - wo alles endlich in Ordnung ist -, überhäufig Christen, die auf das Heil warten, weil es das auf Erden nicht geben kann, zumal, wie erwähnt, das halb gefüllte Glas garantiert ausgeschüttet werde von finsteren Mächten.

Sehr gern gehören zu dieser Gesellschaft, die allerdings zu der meinigen heftig parallel funktioniert, jene, die sich Linke nennen. Nein, ich meine nicht Marxisten oder andere, die irgendwie mit einer gewissen Kühle die Dinge des Lebens sich angucken, ich meine die gläubige Linke, die dauerhaft alles ins Elend, ins Schlimme stürzen sieht - und sie verzweifeln an uns, den anderen, weil wir ihnen ja nicht zuhören in allem, was sie vor sich warnen und dräuen: Zunehmend ist die Welt in Gefahr, finden sie. Und das könnte so sein, aber damit das nicht zur gedanklichen Masche wird, schauen die anderen, also wir, lieber etwas genauer hin.

Ist wirklich immer alles in Gefahr? Das Gesundheitssystem, die soziale Marktwirtschaft, die Gerechtigkeit? Könnte ja sein, aber: Warum ist sie das im immer gleichen Ton seit gefühlt ewigen Zeiten? Ist nicht auch vieles besser geworden, etwa in puncto Lebenserwartung und Alphabetisierung - auch global? Und woran liegt das? Wissen wir das wirklich? Lohnt sich womöglich die Ermittlung von Gründen, woran das liegt, und wäre nicht schön, verzichtete man mal wenigstens einige Zeit auf Horrorformeln wie Neoliberalisierung und Globalisierung?

Ich will doch nur sagen: Das immer Negative ermüdet. Es dauerhaft zu betonen dürfen Halbwüchsige, jenseits der erweiterten Volljährigkeitsgrenze hat es doch etwas Albernes und Gräuelpropagandistisches. Könnte nicht auch sein, das Leben als Schönes zu schildern, nicht als Systemfehler?

Neukölln, um mal lebenspraktisch zu werden, mein Viertel, braucht alles, vor allem Geld für eine bessere Schulpolitik gerade hier, aber keine Beschwörung, dass alles vergebens sei.

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Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, zunächst in der Meinungsredaktion, dann im Inlandsressort, schließlich Entwicklung und Aufbau des Wochenendmagazin taz mag von 1997 bis 2009. Seither Kurator des taz lab, des taz-Kongresses in Berlin, sonst mit Hingabe Autor und Interview besonders für die taz am Wochenende. Interesse: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, besonders der Eurovision Song Contest, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. Er war HSV- und ist jetzt RB Leipzig-Fan. Und er ist verheiratet seit 2011 mit dem Historiker Rainer Nicolaysen aus Hamburg.

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