Kolumne Parallelgesellschaft: Das Leben der anderen

Der Friedhof ist nicht mehr nur ein Ort der Schuld und Trauer - sondern auch eine Stätte für Heiterkeit.

Die Trauerrednerin, konfessionslos, soll - war hinterher zu erfahren, mit allen nahen Angehörigen des in der Kapelle Aufgebahrten - nur wenige Stunden geredet haben. Was sie daraus machte, hätte einen Preis verdient. Man hörte ihr nämlich zu, das Publikum, vielhundertfach, denn der Verstorbene war ein Professor, lächelte hörbar bei manchen Sätzen in sich hinein, einmal lachte es auch, als es eine Anekdote erzählt bekam, aus der hervorging, dass der Mann, um den nun geweint wurde, seine Lobbyarbeit in den wissenschaftlichen Beiräten so vorzüglich mit Wein & Speisen zu unterfüttern wusste.

Nein, diese Trauerfeier hatte nichts, überhaupt nichts von einer vergleichbaren Veranstaltung, die ich aus meiner Kindheit erinnere. Ein Pastor, der die Verstorbene nicht kannte und Unsinn erzählte; die Tränen, die im Pulk der Angehörigen geweint wurden, waren oft falsch, denn die Tote war ein Biest, eine Verschlossene, eine, die sich nie in die Karten gucken ließ und zur Gemeinheit neigte.

Früher haben Beerdigungen, jenseits der persönlichen Traurigkeit, Stress im Vorwege bewirkt. Habe ich schwarze Kleidung? Trage ich einen Schlips? Geht ein weißes Hemd? Muss man einen Kranz bestellen, und wenn ja, was soll auf der Schleife stehen? Die Verabschiedung des Toten war ganz anders, ja, so muss man es vielleicht begreifen, sie war ein Fest auf das Leben, ein auch heiteres, jedenfalls nicht nur depressives Unterfangen, bei dem alle sich gern an den Nichtmehrlebenden erinnern. Man hat die Trauergemeinde nicht unterscheiden können von üblichen Passanten, vielleicht war das Textile alles ein wenig dunkler. Aber sonst? Es hatte nichts Hysterisches, keine Jackie-Onassis-Chanel-Sonnenbrillen, keine schwarzen Handschuhe, deren Finger ein Taschentusch halten, dem Abtupfen der Tränen wegen.

Der Tote hätte sich, wär er zur Rezension seines eigenen Abschiedsfestes eingeladen worden, gefreut. Wahrscheinlich wär er zum Lästern aufgelegt gewesen; hätte sich lustig gemacht über das Fest. Hätte vielleicht gesagt, Mensch, schade, sah gar nicht aus wie im Film, wie bei der Mafia, wo die Witwe doch recht zufrieden ist, dass da ihr Gatte … oder der Witwer ergriffen am offenen Grab zusammenbricht, die wie erstarrt wirkenden Kinder an seiner Hand. Nein, diese Trauerfeier machte, vorsichtig formuliert, aus dem Tod eine Sache des Lebens, auf dass es weitergehe, ohne ihn, aber im Herzen immer mit ihm.

Am Rande wurde natürlich über das gesprochen, worauf es ankommt, nämlich das Leben danach. Wie komme ich klar ohne ihn?, sagte die Schwester des Toten, meine anderen Geschwister haben doch gar nicht sein Format. Was wussten die schon, dass der an den Folgen eines Gehirnschlags Gestorbene gerade deshalb aus dem Umkreis seiner Herkunft fliehen wollte, um sie aus den Klamotten zu kriegen, aber auch, um sie im Alter wieder annehmen zu können.

Am offenen Grab stand ein Kästchen mit Sand, die Witwe aber hatte einen Korb mit Rosenblättern hinstellen lassen, rote, weiße, gelbe Blätter, die man mit letztem Gruß in die schmale Urnengruft herabrieseln lassen konnte. Danke, mein Lieber, sagten viele, ein Achtundsechziger, die auf seine Art durch alle Institutionen ging und Gutes, sehr Gutes bewirkt hat. Er war noch sehr jung, nicht mal Mitte sechzig. Der Tod ist armselig, das Sterben eine Qual. Dieser Mann hätte leben sollen: allein schon, um den Respekt, ja die Liebe seiner Liebsten und Nächsten zu empfangen. Er hätte nur gesagt: Ach, Quatsch. Hätte gelächelt, das man hätte denken können: Na, er würde es ja nie sagen, aber er freut sich über uns!

Die Witwe, die Geschwister, die Freunde: Irgendwie kommt es mir vor, als stünde der Tote nicht zwischen ihnen, als rissen sie nach seinem Leben sich nicht um ihn. Auch dies eine feine Entwicklung. Trauer, so lernten wir, ist eine Angelegenheit, die bei Kirchens ihren Sinn hatte und wahrscheinlich auch hat. Geht aber auch ohne sie. Seine Seele, so oder so, braucht keinen Frieden - er und die Seinen hatten ihn längst.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben