Kolumne Neue Mitte: Du trägst dein Dorf immer mit dir rum

Hat die neue Berliner Mitte ein schwarz-gelbes Lebensgefühl bereits verinnerlicht, bevor es im Wahlergebnis manifest wurde? Nein, ganz sicher nicht

Man kann sich das kaum vorstellen als halbwegs humanistisch gebildeter, mit Punk und Techno, Bier und Haschisch, Goethe und Goetz sozialisierter, die französische, amerikanische und bayerische Revolution ehrender, alte Jeans und neue Anzüge tragender, also durch und durch neolinksliberaler, fest im 21. Jahrhundert stehender und doch traditionsbewusster Mensch. Man kann sich kaum vorstellen, wie es die neuen FDP-Wähler und nie ganz frisch gewesenen Neokonservativen wurmen muss, kulturell nichts reißen zu können.

Es muss die wahnsinnig ärgern, dass die Regierung als erste Amtshandlung den taktischen Fehler begangen hat, die Verfolgung der Partikularinteressen der Upper Middleclass zur ersten Aufgabe zu erklären. Jetzt hat die Generation Golf ihre Regierung, aber der Produktsex ist gleich null.

Ideologisch nackt

Das ist nicht weiter verwunderlich, haben doch auch die Milieus, die der Regierung zum Sieg verhalfen, weder einen prägenden Lebensstil noch Glamour vorzuweisen. Da haben wir nun eine "bürgerliche Regierung", die ideologisch nackt dasteht. Ein bisschen Christentum vielleicht und die alte Rhetorik von Individuum und Verantwortung. Einzig der anti-etatistische Diskurs der FDP kann auf Zuspruch in Teilen der gebildeten urbanen Milieus zählen.

Dabei ist es ja gar nicht so, dass die Linksliberalen heute theoretisch so viel mehr zu bieten hätten. Aber sie sehen halt immer noch besser aus und beherrschen unangefochten den ästhetisch-lebensweltlichen Luftraum. Wie sehr das die Anhänger der Regierung zu wurmen scheint, anstatt mal ein bisschen locker zu bleiben nach so einem Wahlsieg, hat man schön im Novemberheft von Cicero anschauen können. Dort fand sich ein "Streifzug durch die Lebenswelten der neuen Mitte" mit dem Titel "Mit uns zieht die neue Zeit".

Ironische Gesten

Da treffen wir "Fotograf Max von Gumppenberg und seine Frau, Model Luca von Gumppenberg". Sie leben mit Sohn Gustav "im Berliner Avantgardistenviertel Prenzlauer Berg". Sohn Gustav trägt ein T-Shirt mit Union Jack und dem stilisierten Gesicht eines Manns, der Sid Vicious recht ähnlich sieht. Wir erfahren: "Die neue Generation Mitte legt Wert auf den Zusammenhalt der Familie und bevorzugt im Gesellschaftlichen die privaten Salons."

Ein Blick ins Herrenzimmer des Galeristenpaars Bruno Brunnet und Nicole Hackert zeigt uns sodann die ironischen Gesten, "die das neue Bürgertum favorisiert". Nebst Hackert, Brunnet und ihren Kindern sind die Künstler Jonathan Meese und Marc Brandenburg anwesend.

So denkt sich Cicero das: "Sie sind weltläufig, aufgeklärt und leistungsbereit. Und sie hatten das schwarz-gelbe Lebensgefühl von Bürgerfreiheit und Individualismus bereits verinnerlicht, bevor es im Wahlergebnis manifest wurde."

Bundeskanzler Trittin

Mag sein, dass Jonathan Meese CDU und Marc Brandenburg die FDP wählt. Wahrscheinlich ist es nicht. Was Cicero für die rührende Konstruktion einer kulturellen Hegemonie in Schwarz-Gelb unterschlagen muss, sind die nackten Zahlen: Wenn es nach den in den zentralen Berliner Wahlkreisen lebenden, gut gebildeten, alles in allem recht bürgerlichen Leuten gehen würde, dann hieße unser Bundeskanzler Jürgen Trittin.

Das absurdeste Foto der Story beleuchtet den kulturellen Horizont der schwarz-gelben Spindoktoren. Es zeigt Karl-Theodor zu Guttenberg und Frau Stephanie auf der Nachbildung eines toten Dinosauriers befindlich. Er stehend, sie sitzend, kommentiert mit den Worten "Stolzer Ritter, holdes Weib".

Liebe Generation Golf: Sei zufrieden mit dem, was du hast. Es ist ja doch genug. Hip aber wirst nimmermehr.

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Ulrich Gutmair ist Kulturredakteur der taz.

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