Kolumne Monday Mirror: Der Schöne und das Biest
Kleiderständer Naomi Campbell hat den venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez interviewt. Für die britische GQ. Warum machen das nicht auch deutsche Models?
Magazine haben es nicht leicht auf dem englischen Zeitungsmarkt. Mit Klatsch, Tratsch und PeopleSexStyleMusic werden die LeserInnen von allen anderen Publikationen ja leider bestens versorgt.
Umso beeindruckender doch der Scoup, der sich in der eben erschienenen Februarausgabe der britischen GQ findet. Dank der investigativen Fragetechnik eines sogenannten Supermodels kennt alle Welt nun "die andere Seite des Hugo Chávez". Naomi Campbell interviewt den Staatspräsidenten von Venezuela. Wenn das mal kein Knaller ist!
Die wichtigste Botschaft präsentiert das Heft selbstverständlich gleich auf der ersten Doppelseite, in opulenter Optik, links der milde lächelnde Potentat im knallroten bulligen Overall-Jäckchen, rechts die dunkelhäutige, grazile Zuhörerin im schulterfreien weißen Kleidchen, das Gesicht voller Aufmerksamkeit dem Manne zugewandt: "Ich bin nicht Superman", steht daneben. Kurz: ein Mann, wie geschaffen für Gentlemans Quarterly.
Und Naomi? Die sollte nun in bester Frauenfragetechnik im Präsidentenpalast von Caracas herausfinden, wie es denn um die Gefühle dieses Mannes bestellt ist. Also: Wie war es denn im Gefängnis nach dem Staatsstreich 2002 ("Es war eine Schule"), hatte er Angst zu sterben ("Nein, ich hielt ein Kruzifix in meinen Händen und war bereit zu sterben"), will George W. Bush ihn töten ("Ja, ich glaube, das will er"). - Ja, Chávez, das ist mit Sicherheit ein Mann, der sagt, was er fühlt, wie Campbell es in ihrem beigestellten Erfahrungsbericht noch einmal extra bestätigt.
Wer den ehemaligen Militäroffizier und Putschisten nach zwei Seiten harter politischer "Fragen" immer noch in der Rubrik sozialistischer Diktator verbucht, wird auf der dritten Doppelseite geködert. Wie entspannt sich ein Hugo Chávez? - Hört iPod. Wie hält sich ein Chávez fit? - Er joggt und geht ins Fitnessstudio. Kennt er die Spice Girls? - Hat er schon mal von gehört, dafür kennt er die Queen und Prince Charles. Den hat er auch schon mal getroffen, der ist auch sehr nett, nur Camilla, die findet er nicht so attraktiv. Campbells Conclusio: "Sie haben einen großartigen Sinn für Humor."
So etwas kann es auch wirklich nur in England geben? Nun ja. In Deutschland dürften zumindest FernsehzuschauerInnen mit dieser brillanten Interviewtechnik bestens vertraut sein. Oder wie war das noch, als Sabine Christiansen eine Audienz beim US-amerikanischen Präsidenten George W. Bush in Washington erhalten hatte? Für die ARD. Was macht eigentlich Heidi Klum zurzeit so?
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert