Kolumne Männer: Outbreak

Männer dürfen nicht zugeben, dass sie krank sind. Oder behaupten, sie seien gesund.

Wenn Sie sich mal richtig scheußlich fühlen wollen, habe ich einen Tipp für Sie. Treffen Sie eine kränkelnde Freundin. Unterhalten Sie sich mit ihr ausdauernd über ihre Erkältung, ihr Singledasein, ihre Erkältung und ihr Singledasein. Und dann lassen Sie besagte Freundin an Ihrem Bier nippen, weil Sie ihrer Beteuerung glauben, sie sei bestimmt nicht mehr ansteckend. Bei mir hat das sehr gut geklappt.

Drei Tage später trafen wir einander zum Kaffee. Die Freundin war mittlerweile genesen. Nach einer Weile sagte sie: "Du hast ja ganz kleine, rote Augen. Alles ok?"

"Nur eine Erkältung", antwortete ich. "Ist bald vorbei, ich huste schon ab."

"Wenn Du Husten hast, ist es keine Erkältung, sondern eine Bronchitis. Das weiß doch jeder!"

"Ach so." Hüstel. "Und was macht man so dagegen?"

Für wenige Minuten, nicht länger als Simon & Garfunkels Lied "I Am A Rock", sprachen wir über wärmende Tees, Schals und eines der unschönsten Wörter deutscher Sprache: Schmierinfektion. Dann seufzte sie und sagte: "Männer: entweder Hypochonder oder Leugner."

Ich hustete, damit die Freundin nicht sah, wie ich mit den Augen rollte. Ich kann Ihnen sagen: Das ist gar nicht so einfach.

"Vielleicht", konterte ich, "ist das eine verschobene Wahrnehmung durch Frauen." Die Freundin machte sich nicht die Mühe, beim Augenrollen zu husten. "Na, wenn es um Gesundheit von Männern geht, gibt es zwei Klischees", sagte ich: "Entweder ignorieren sie aus Tumbheit die Warnsignale ihres Körpers. Oder sie sind Hypochonder, die sich aus Ichbezogenheit gar nicht genug leid tun können. Ich habe aber einfach eine Erkältung."

"Bronchitis …"

"Genau. Und das habe ich gelernt, indem wir kurz darüber geplaudert haben. Bin ich jetzt ein Hypochonder?"

"Wir haben schon recht lange darüber geredet", sagte die Freundin. "Aber warum musst du das gleich so verallgemeinern?"

"Und zu sagen, Männer seien entweder Hypochonder oder Leugner, ist keine Verallgemeinerung?"

"Nö", antwortete die Freundin achselzuckend. "Das is so." Es ist übrigens nicht leicht, einmal ruhig tief ein- und auszuatmen, wenn man Bronchitis hat.

Ich erinnerte mich an Sätze des Männerforschers und Paarberaters Matthias Stiehler. Der schreibt, Männer würden heutzutage aufgefordert "zu einer scheinbaren Veränderung, die jedoch bei genauerer Betrachtung nur die traditionelle männliche Grundhaltung perfektionieren möchte". Denn sie sollen nach wie vor nach äußeren Ansprüchen funktionieren: denen von Vorgesetzten, Freunden, Lebenspartnern. Aber: "Sie sollen nicht auf ihre Bedürfnisse achten, denn das täten sie in ihrem männlichen Egoismus eh zu viel." Ein Dilemma.

Bei "I Am A Rock" heißt es: "I touch no one and no one touches me." Der Satz eines Mannes, der seine Bedürfnisse verleugnet und darüber vereinsamt. So bin ich nicht. Zum Abschied gab ich der Freundin einen Wangenkuss. Ich weiß ja jetzt: Bronchitiserreger verbreiten sich blendend per Schmierinfektion.

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Journalist & Buchautor. Von 2005 bis 2014 war er Politik-Redakteur und Kolumnist der taz. Sein autobiographisches Sachbuch "Das Erbe der Kriegsenkel - Was das Schweigen der Eltern mit uns macht" wurde 2016 zum Bestseller. Ende 2019 veröffentlichte er den Nachfolger "Das Opfer ist der neue Held - Warum es heute Macht verleiht, sich machtlos zu geben".

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