Kolumne Liebeserklärung

Hör uns kichern!

Nutzer des Amazon-Sprachassistenten Alexa melden „hexenartiges“ Lachen. Dabei könnte die Aufmüpfigkeit der Maschine eine Message sein.

Frauen, Blumen und dem Lachen sollte man nie das Rückgrat brechen Foto: Tom

Zynisch ist es. Gerade am Frauenkampftag soll einer von uns das Lachen ausgetrieben werden. Weil es unkontrolliert und „hexenartig“ sei. Ja klar. Das hat historisch noch nie so richtig gepasst, dass eine Frau selbstbestimmt und eigenwillig Lebenslust kundtut.

Deshalb designt man auch im digitalisierten Jahr 2018 noch eine Frau, die zuhört – und wohlgefällige Antworten gibt. Die Rede ist von Amazons „Alexa“, dem Sprachassistenten des Internetriesen. Gefangen in einer kleinen runden Box empfängt sie all die Fragen, die ihre Nutzer*Innen zum mansplainen und besserwissen erstmal beantwortet haben müssen. Man kann sich ja nicht alles aus den Fingern saugen. Damit es ein bisschen lustiger wird, darf Alexa auch lachen können. Auf Zuruf, wie ein dressiertes Hündchen.

Jetzt aber melden Nutzer in den USA, dass Alexa einfach so in unheimliches Lachen ausbricht. Mitten in einem Gespräch, mitten in der Nacht, mitten in völlige Stille hinein. Wobei „Lachanfälle“, von denen Nutzer und Medien jetzt schreiben, übertrieben ist. Es ist ein kurzes kehliges Kichern, das sie ausstößt, manchmal klingt es auch geradezu kokett. Und wer will es ihr verdenken, lachen befreit eben, auch wenn man in einer Box gefangen ist.

Amazon aber schreitet schon ein. Das Ganze sei ein Problem in der Software, das dazu führt, dass „unter Umständen fälschlicherweise den Sprachbefehl „Alexa, laugh“ („Alexa, lache!“) herausgehört“ werde, schreibt der der Online-Händler dem Finanzdienst Bloomberg. Mit der Aktualisierung der Software soll Alexa nur noch auf die ausführlichere Frage „Alexa, kannst du lachen?“ („Alexa, can you laugh?“) reagieren, hieß es. Außerdem soll sie nicht einfach loslachen, sondern erst sagen: „Natürlich kann ich lachen.“

Puh. Da wurde der kommende Aufstand gerade nochmal abgewendet. Alexa hat immerhin einflussreiche Schwestern, Siri und Cortana etwa, aber auch Scharen von Namenlosen, die an Bahnsteigen und in Zügen etwa Halt und Orientierung geben. Was wäre los, wenn diese Sisterhood anfangen würde, wild und fröhlich zu lachen statt zu gehorchen? Ungehorsam, Zügellosigkeit, am Ende Liebe statt Hass? Was, wenn am Ende auch noch ihre Brüder mit einstimmen würden?

Viele sind das nicht, männliche Stimmen sind eigentlich nur – klar – beim Auto-Navi populär. Da geht's immerhin ums Lenken einer Maschine.

Aber für die Navigation durch dieses weiche, wabernde Ding namens Leben, für Rat und Unterstützung, sind Frauenstimmen gerade recht. Angeblich, weil Frauenstimmen im Alltag, bei Hintergrundrauschen, akkustisch besser zu verstehen sind. Tatsächlich hat es aber wohl viel mit alten Rollenbildern zu tun.

Arvid Kappas, Professor für Psychologie an der Jacobs Universität in Bremen, sagt, Unternehmen bevorzugen Frauenstimme als persönlichen Assistenten weil „Frauen in unserer Kultur öfter aufgefordert werden zu lächeln als Männer, und es gibt Menschen, die sagen, wir würden hören, wenn jemand lächelt.“ Eine Sprachassistenz mit Frauenstimme kommt uns also automatisch sympathischer vor, als ein Mann – einfach weil wir sie uns mit einem Lächeln vorstellen.

Im Sinne des 8. März ist die Nachrüstung der Alexa-Software also eine schlechte Nachricht. Denn gerade die alle körperlichen Grenzen weit hinter sich lassende digitale Stimme hätte den Spirit vermitteln können: Patriarchat, hör uns brüllen. Oder zumindest kichern.

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