Kolumne Landmänner: Die pistazienfarbene Wanderdüne

Mit einer Bayerin auf Schleichfahrt durch Mark und Uckermark: Der lange, lange Weg ist dann wohl das Ziel.

Für die einen sind brandenburgische Alleen eine Todesfalle, für die anderen eine Touristenattraktion. Als wir jüngst Besuch aus Bayern hatten, vermieden wir Ersteres, indem wir konsequent nur Tempo 60 fuhren, und griffen auf Zweiteres zurück, weil sonst gerade nichts los war in Brandenburg: Wir machten einen Ausflug in das uckermärkische Templin - wobei man in Anbetracht der Benzinpreise genauso gut eine Kreuzfahrt nach St. Petersburg hätte anbieten können.

Templin in McPomm ist die "Perle der Uckermark", es gibt dort eine Naturtherme (nur am Wochenende), Angela Merkel und eine Stadtmauer. Weil niemand Badesachen dabeihatte und die Bundeskanzlerin immer noch auf Bildungsreise ist, besichtigten wir die Stadtmauer und tranken anschließend Kaffee am Marktplatz. Latte macchiato gab es dort auf Nachfrage ausschließlich im vorschriftsmäßigen Glas und keineswegs in einer Tasse, weshalb unser Gast auf Milchkaffee zurückgreifen musste. Das sind dann so die innerdeutschen Probleme.

Wir haben nun mal kein Neuschwanstein, keine merkwürdig übersatt grün wirkenden Wiesen und auch keine Postkartenkühe zu bieten bei uns in Brandenburg. "Irgendwie kriegt mich diese Ex-DDR", sagte unsere Besucherin, während ich im Rückspiegel nervös die immer länger werdende, überholbereit drängelnde Autoschlange beobachtete, "das ist hier so deprimierend." Die Laune der Eingeborenen wird natürlich auch nicht besser, wenn sie stundenlang hinter einer pistaziengrünen Wanderdüne mit Erdinger Kennzeichen herschleichen müssen. Man denkt dann unwillkürlich an Reformstau und hat keinen Blick mehr für den Aufschwung Ost. Grau in Grau wird nicht schöner, wenn man zwangsweise zur Entdeckung der Langsamkeit verdonnert wird.

Einmal Templin sehen und sterben. Was für ein Schicksal. Wir traten den Rückweg an, "der Weg ist das Ziel" sagte die Automobilistin, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie sowieso lieber in die Stadt Brandenburg gefahren wäre, um den dortigen Backsteindom zu besichtigen. "Christentum und Frömmelei hast du doch in Bayern zur Genüge", konterte ich. Mein Freund war auf dem Rücksitz längst eingeschlafen.

Aber sie hatte ja recht, man muss seinem Besuch auch was bieten. Honeckers Atombunker? Das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen? Angela Merkels Datsche bei Templin?

Stattdessen krochen wir durch graue Dörfer und Kleinstädte, sahen reihenweise SPD-Wahlplakate - "Die Uckermark im Herzen" -, auf denen der Traum vom Arbeiter-und-Bauern-Staat dann doch noch wahr wird: Ein blondes Mädchen mit Kornblumenstrauß posiert vor einem montierten Ensemble aus idyllischer Landwirtschaft und stahlglänzender Industrieagglomeration. Die FDP ist in quietschendem, aber wenigstens buntem Gelb angeblich "Stark vor Ort". Grünes sah man nur in Form von Wiesen, dafür jede Menge braune Kandidaten an Laternenpfählen und Zäunen.

"Gibt es so was in Bayern eigentlich auch, oder wählt man dort sowieso immer nur die eine Partei?", fragte ich deprimiert und bekam nur ein genervtes Augenrollen zurück.

Ja, manchmal kriegt sie einen schon, die Ex-DDR, besonders wenn die Sonne nicht scheint. Träumte stattdessen einen Tagtraum von einem Gegenbesuch in Bayern, der mir in diesem Moment mindestens so exotisch erschien wie ein Kurztrip nach Dubai. Urlaub bei den satten bayerischen Mittelstandscheichs, das wäre mal eine vorrübergehende Entlastung.

Auto um Auto, einer nach dem anderen, nutzte die Gelegenheit, uns zu überholen. Ich überlegte schon, ob ich uns bei Antenne Brandenburg telefonisch als Verkehrshindernis anmelden sollte. "Sag mal, warum kriechst du eigentlich so?", fragte ich die bayerische Automobilistin. "Weil ich das so mit ihr abgesprochen habe", antwortete mein generell beförderungsphober Freund von der Rückbank.

Jetzt verstehe ich, warum sich die Brandenburger Jugend so gerne totrast. Aus Langeweile.

MARTIN REICHERT

LANDMÄNNER Lust auf Templin? kolumne@taz.de Morgen: mailto:Bettina Gaus über Fernsehen

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Jahrgang 1973, ist Redakteur der taz am Wochenende. Sein Schwerpunkt liegt auf gesellschaftlichen und LGBTI-Themen. Er veröffentlichte mehrere Bücher im Fischer Taschenbuchverlag („Generation Umhängetasche“, „Landlust“ und „Vertragt Euch“). Zuletzt erschien von ihm "Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik" im Suhrkamp-Verlag (2018). Martin Reichert lebt mit seinem Lebensgefährten in Berlin-Neukölln - und so oft es geht in Slowenien

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