Kolumne Hier und dort: Freiwillige Rückkehr

Drei Jahre war ich fort. Nun träume ich davon, dass der Krieg zu Ende ist. Ich begebe mich auf eine lange Reise und kehre nach Damaskus zurück.

Innenhof mit kleinem Bauwerk in der Mitte, am Rand Kolonnaden, es ist sonnig, blauer Himmel

Vor dem Krieg war die Umayyaden-Moschee ein Besuchermagnet für Touristen aus aller Welt Foto: Ulrich Waack in der Wikipedia auf Deutsch, CC BY-SA 3.0

An einem Wintermorgen beschloss ich, nach Damaskus zurückzukehren. Denn ich träumte, der Krieg sei zu Ende.

Ich verließ meine Straße in Berlin, durchquerte Europa und überquerte das Mittelmeer in Richtung Damaskus. An der syrischen Grenze holte ich tief Luft, als wollte ich das Einatmen der ganzen Luft der vergangenen drei Jahre in der Fremde nachholen.

Von der Grenze aus begab ich mich auf einen langen Weg, der bis zu meiner Wohnung in einem Damaszener Viertel normalerweise drei Stunden dauert.

Die Wohngegend, in der ich viele Jahre verbracht hatte, sah vollkommen normal aus – als hätte sich dort nichts geändert seit meinem Fortgehen. Ich legte mein Gepäck in meiner alten Wohnung ab und ging hinaus in Richtung des Stadtzentrums von Damaskus.

Auf dem Weg dorthin kam ich an dem Gebäude der syrischen Nachrichtenagentur Sana vorbei. Ich blieb kurz stehen, um die halbe Wahrheit über den Zustand des Landes zu erfahren.

„Vor drei Jahren war Kefah noch unter uns“

Dann ging ich weiter zum Nationalmuseum, dem Ort, an dem „man“ dem Land seine Geschichte raubte. Im Museumscafé erblickte ich einige alte Freunde, die im Gegensatz zu mir geblieben waren und die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufgegeben hatten. Ich ging ganz nah an ihnen vorbei, ohne dass sie mich bemerkten. Ich hörte eine von ihnen sagen: „Vor drei Jahren war Kefah noch unter uns!“

Ich unterdrückte meine Tränen und zog weiter, entlang der Buchhändler-Straße, die zur Burg von Damaskus führt. Ich ruhte mich kurz im Park aus, dann erhob ich mich wieder und ging zum nächsten Café am Fluss Barada, wo ich früher häufig saß.

Es war kalt, und ich beschloss weiterzugehen, um nicht zu frieren. Am Stadttor angekommen ging hinein in das Herz der Stadt, wo die Umayyaden-Moschee steht und wo in früheren Zeiten ein Kultort für den Gott Hadad errichtet worden war. Die Umayyaden-Moschee war zuvor eine Synagoge gewesen, die später durch eine christliche Basilika ersetzt wurde. Heute ist sie eine islamische Moschee, die vor dem Krieg ein Besuchermagnet für Touristen aus aller Welt war.

Diesmal sah ich das Dach der Moschee und erblickte die Tauben in ihren Nestern. Ich konnte die Spitze des Minaretts mit meiner bloßen Hand anfassen, und ich rief sogar zum Gebet. Es war die Zeit des Mittagsgebets. Viele Menschen strömten zum Gebet herbei, andere setzten ihre Arbeit fort, und manche gingen kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen.

Ins Hamam

Dann setzte ich mich in meine Lieblingsecke in dem alten Café und Teehaus gegenüber der Moschee, bestellte den in Damaskus beliebten Kümmeltee mit Zitrone, trank ihn und verließ das Café, bevor die Betenden aus der Moschee kamen.

Ich schlenderte durch die Gassen der Altstadt. Einige dufteten nach dem Holz, aus dem die alten Haustüren mit ihren bemalten Glasscheiben waren. Dann kam ich an den Damaszener Bädern in türkischem Stil vorbei. In diesen Hamams gab es damals eine Abteilung für Frauen und eine andere für Männer. Die Damaszener pflegten ein bestimmtes Hochzeitsritual: Sie brachten das Brautpaar in das Hamam, wo die Frauen die Braut wuschen und die Männer den Bräutigam.

Ich beschloss, zum Abschluss dieses Ausflugs ein Dampfbad zu nehmen, und ging hinein ins Frauenbad. Dort waren die meisten Frauen nackt, wenige von ihnen trugen Unterwäsche. Ihre Körper verströmten einen betörenden Duft, sie saßen in Zweier- oder Dreiergrüppchen, und der Geruch von Alepposeife erfüllte den Raum. Ich erinnerte mich an das Gemälde „Szene im Hamam“ von Jean-Léon Gérôme. Ich dachte mir: Wie elend müssten sich die heutigen Dichter fühlen, die das Frauenhamam nicht betreten dürfen. Wäre ich ein Dichter, hätte ich bestimmt ein Loch in die Wand gebohrt, um die Szene im Hamam zu sehen, selbst auf die Gefahr hin, den Rest meines Lebens Gedichte schreibend hinter Gittern verbringen zu müssen.

Ach…! Ich verlasse das Hamam, bevor ich auf noch „extremere“ Gedanken komme, und kehre zurück in meine Wohnung in Berlin. Dort werde ich nach der langen Reise auf Google Maps in Ruhe den Schnee hinter dem Fenster betrachten.

Aus dem Arabischen Mustafa Al-Slaiman

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Kefah Ali Deeb wurde 1982 in Latakia, Syrien, geboren und ist 2014 nach Berlin geflohen. Sie ist bildende Künstlerin, Aktivistin und Kinderbuchautorin, außerdem Mitglied des National Coordination Committee for Democratic Change in Syrien.  

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