Kolumne Das Schlagloch: Flying to Cambodia

Kambodscha ist arm, dreckig, kompliziert und beunruhigend. Beunruhigend schön.

Wenn ich Phnom Penh höre, sehe ich Karl-Heinz Köpcke vor mir. In der "Tagesschau" der Siebzigerjahre sprach er die beiden ungewöhnlichen Worte sehr präzise aus. Das australische Mädchen, das soeben kaltschnäuzig das gesamte Prepaid-Vermögen unseres höflichen Taxifahrers vertelefoniert hatte, um zehn Minuten vor Ankunft in der kambodschanischen Hauptstadt einen Flug zu bestellen, wiederholte dagegen immer "Pe nom penn" - als ob der englischsprachige Mundraum die beiden Konsonanten nicht hintereinander weg sprechen könne.

Dagegen klingt es wie ein Peitschenschlag, wenn der Schweizer Kinderarzt Beat Richner Phnom Penh sagt. Der Cello spielende Doktor tritt dreimal in der Woche abends auf, um für seine fünf Kliniken zu werben; um Blut von den Jungen und Geld von den Alten zu sammeln. Nach nur ein paar Takten bläst er schnaufend die Backen auf, obwohl die Klimaanlage des Konzertsaals auf der Straße, die zum großen Tempel von Angkor Wat führt, auf gefühlte 15 Grad eingestellt ist. Die meisten im Publikum sind Schweizer und offenbar vorgewarnt: Sie packten schon im Reingehen die Pullover aus und können ganz entspannt klatschen, während unsereiner verzweifelt am eigenen Körper eine Stelle zum Erwärmen der schnell eiskalt gewordenen nackten Arme sucht.

Richner ist ein Mann, der sein Leben der Hilfe für kambodschanische Kinder verschrieben hat. Der erbittert darauf besteht, dass diesen Kindern nicht nur kostenlos geholfen wird, sondern auch noch der gleiche medizinische Apparat zusteht wie Kindern in Zürich oder Boston. Prinzessin Anne soll das nicht eingeleuchtet haben. Sie hat als Vorsitzende irgendeiner Hilfsorganisation seiner "Kantha Bopha Foundation" Geld verweigert, weil er sich weigerte, die sogenannte Basismedizin zu praktizieren - nämlich erst einmal den Leuten beizubringen, wie sie sich die Hände zu waschen haben.

Ich finde auch, dass man sich in Kambodscha unbedingt öfter die Hände waschen sollte, es ist nämlich alles wahnsinnig dreckig. Aber es geht um einen Streit, der nicht einfach zu lösen ist: die Weltgesundheitsorganisation will Projekte, die gemäß den landesüblichen Bedingungen irgendwann auch ohne fremde Hilfe funktionieren können. Dr. Richner hat allerdings für solche Nachhaltigkeitsideen keine Zeit - er will hier und jetzt Kinder retten, die an Dengue-Fieber erkrankt sind oder mit HIV geboren werden. Und er will darauf aufmerksam machen, dass der Westen an diesem Elend schuld ist. Also hat der Westen gefälligst für Hilfe zu sorgen.

Seine charmante Sturheit ist beeindruckend und sein Realitätstunnel überzeugend, auch wenn man ihm sicherlich jede Menge Vorwürfe machen könnte - wie all diesen charismatisch-fanatischen Helfern von Mutter Teresa bis Rupert Neudeck. In der Tat wird Richner auch kritisiert, unter anderem, weil er sich nicht darum schert, wie es weiterlaufen kann, wenn er nicht mehr ist. Wenn nicht mehr er seine Eidgenossen bei ihren Goldeiern oder andere Europäer beim schlechten Gewissen packen kann, sondern nur noch kambodschanische Männer und Frauen da sind, die vielleicht nicht zu den großen Wohltätigkeitspartys eingeladen werden.

Wer wird dann für das Weiterlaufen der Kliniken sorgen, die vielleicht die einzige größere Einrichtung in Kambodscha ist, in der keine Korruption herrscht, wie er sagt?

Aber reicht es nicht, dass er versucht hat, das Beste aus seiner Lebenszeit zu machen? Muss er, dessen Energie uns Mittelmäßige beschämt, noch perfekter sein, damit er es uns wirklich mal richtig gezeigt hat?

Kambodscha beunruhigt mich wie kein anderes Land, das ich besucht habe. Aber vielleicht habe ich noch nicht genug Länder besucht.

Die weite, herzzerreißend schöne Landschaft, bei deren Anblick jegliches Schwelgen vom plötzlichen aufflammenden Gedanken "Landmine" unterbunden wird; das übermächtige Wunder der Tempel von Angkor Wat und die Straße von Siem Reap dorthin, auf der kilometerlang ein südkoreanisches Hotel nach dem anderen hochgezogen wird; der Besuch in Tuol Sieng, der ehemaligen Highschool in Phnom Penh, die unter den Khmer Rouge zwischen 1975 und 1978 zum Foltergefängnis wurde und seitdem ein Museum ist; die Massengräber der Killing Fields, zwischen denen man herumspaziert, während eine Horde von Kindern hinter Maschendrahtzäunen in allen Jammertonarten ihr Mantra von "One Dollar Madam, ok?" herunterleiert; die jungen und hellwachen Khmer, deren Lächeln und ihre plombenziehend süße Popmusik mich selbst dann bezwingen, wenn ich gerade wegen irgendwas genervt losschimpfen will - sie erzählen verwirrende Geschichten über eine Zeit, in der sie entweder noch nicht geboren waren oder als Kinder von den Roten Khmer erzogen wurden.

Sie sitzen vor dem Fernseher, beobachten, wie Bruder No. 3 (Pol Pot, der Führer der Roten Khmer nannte sich Bruder No. 1) vor einem Gericht zur Rechenschaft gezogen wird, und sagen "unbelievable", wenn Fremde dabeisitzen. Ich bekomme aber nicht heraus, was so unglaublich ist, weil sie nichts weiter sagen, wenn ihre Freunde dabeisitzen. Einer, der "das Glück hatte", von den Roten Khmer zum Kühehüten in den Dschungel geschickt worden zu sein, beschreibt zuerst das Bild eines Hauses, in dem seine Familie, oder das, was von ihr noch übrig war, lebt. Es ist Nacht und dennoch wagt niemand zu sprechen, weil die Spione der Angka, jener unsichtbaren Geheimpolizei, immer und überall lauern. Es klingt, als ob er von Dämonen aus einem Fantasy-Roman spricht. Aber auf die Roten Khmer lässt er nichts kommen.

Es habe zwei gegeben, sagt er, die einen waren die guten kambodschanischen und die anderen - er schaut mich bedeutungsvoll an - Chinesen und Vietnamesen. Der große Hass auf die Vietnamesen vereint alle, egal an welche geschichtsklitternde Version der Vergangenheit sie glauben. Und während westliche Touristen außerhalb von Phnom Penh auf Shooting Ranges ausprobieren können, wie es sich anfühlt, mit einer AK-47 zu schießen, versuchen die jungen Frauen und Männer in Phnom Penh, eine Geschichte zu vergessen, die sie nicht kennen. "Ich habe meine Mutter gefragt, warum ein Bild von meinem Onkel in Tuol Sieng an der Wand hängt, wo die Führer der Roten Khmer zu sehen sind", sagt die 20-jährige Soukling, die jeden Tag zu einer Schule fährt, um Buchhaltung zu lernen, auch wenn die Schule meistens geschlossen ist. Ihre Mutter hat auf die Frage so reagiert, dass Soukling sie nichts mehr fragen wird. Sie will ihr nicht wehtun.

Kambodscha ist arm, dreckig, kompliziert, beunruhigend. Beunruhigend schön.

Vielleicht ist das, was der Cello spielende Kinderarzt in Siem Reap zum Schluss seiner Vorführung sagt, das Wichtigste. Nachdem er aufgezählt hat, wie kaputt, verroht, scheinheilig und pervers alles im Verhältnis von Erster und Dritter Welt zugeht, sagt er: "We live in a system of absurdity but be have to forgive. Not to give in but to forgive. Sonst werden wir verrückt."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de