Kolumne Darum

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Was haben „Dada“ und das Leben mit Kindern gemeinsam? „Dada“ und Kinder stehen für Zweifel an allem. „Darum“ verabschiedet sich.

Schatten winkender Menschen

War schön und jetzt nichts wie los. Foto: Photocase / Tinvo

Wieder quäle ich mich mit dieser Kolumne. Wieder sind es zu viele Verwandte und Bekannte, die beim Schreiben unsichtbar hinter mir stehen und mir reinreden, was ich zu schreiben und was ich zu lassen habe. Die Kinder, aber auch die Frau, die Großeltern, Kollegen, Freunde, andere Eltern, sogar Lehrer der Kinder. Meine Kinder wurden schon von ihren Lehrern auf die Kolumne angesprochen. Sie waren stolz darauf, mir war es peinlich.

Peinlich, weil sich so die Galerie derer vergrößert, an die ich denke, wenn ich über meine Kinder schreibe. In der Realität ist da niemand, der hinter mir steht. Keiner redet mir beim Schreiben rein.

Es sind aber so viele Gespräche über „Darum“ geführt worden, darüber, Teile des Lebens meiner Kinder öffentlich auszubreiten, egal ob real oder verfremdet, dass es sich so anfühlt, als stünden sie alle da und schüttelten den Kopf. Kurz: Ich bin beim Schreiben von „Darum“ nicht mehr frei, es macht keinen Spaß mehr, es ist nur noch Fügsamkeit in ein Format, das nunmal befüllt werden muss.

Ich will mich aber nicht mehr fügen. Im Gegenteil. „Ich will meinen eigenen Unfug, und Vokale und Konsonanten dazu, die ihm entsprechen“, schrieb Hugo Ball vor knapp 100 Jahren im Dada-„Eroeffnungs-Manifest“. Und ich will den Zweifel an allem und jedem, für den Dada steht, und den der Twitter-Account „Dada100Zürich2016“ mit dem schönen Hashtag #Zweifel betont: „Eine einfache Frage genügt meistens, um uns aus unserem Alltagstrott und unseren Routinen zu befreien und Platz für Inspiration zu schaffen.“

Meine Unsinnsansammlungen

Nun denn, Unfug mit eigenen Vokalen und Konsonanten: Arrrgggh!!! Gruuunzzz!! Raus mit all den Geräuschen, die Kinder so machen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Popeln und furzen, von Kindern lernen, niemals Maß zu halten. Sich in der „M&M-World“ vollfressen, statt darüber zu schreiben. Hemmungslos streiten ohne Kompromisse. Und vor allem: nichts mehr erklären müssen, einfach alles so stehenlassen.

Nun denn, Zweifel: Ich soll erziehen? Ich bin doch im Herzen selbst noch ein Kind. Ich soll Regeln verordnen? Ich hasse Regeln. Man kann doch nicht den ganzen Tag lang nur Süßigkeiten essen, sage ich den Kindern. Doch, kann man, sagen sie. „Aber dann wird einem schlecht.“ „Echt? Woher willst du das wissen? Hast du es je ausprobiert?“ Nein, gebe ich zu, habe ich nie.

Man kann nicht nur Süßigkeiten essen, sage ich. Doch, sagen die Kinder. „Dann wird euch schlecht.“ „Woher willst du das wissen? Hast du es ausprobiert?“

Die Wikipedia definiert: „Der Dadaismus stellte die gesamte bisherige Kunst in Frage, indem er ihre Abstraktion und Schönheit durch z. B. satirische Überspitzung zu reinen Unsinnsansammlungen machte“. Meine Kinder sind in diesem Sinne Dadaisten, sie machen aus meinen Sätzen seit Jahren mit einer kleinen Grimasse „Unsinnsansammlungen“.

Zum 100. Geburtstag des Dada will ich sie einfach nur loben und preisen als Meister des Zweifels und Künstler der Provokation. Zum Abschluss dieser Kolumne nochmal Hugo Ball, nochmal das Dada-„Eroeffnungs-Manifest“: „Dada stammt aus dem Lexikon. Es ist furchtbar einfach. Im Franzoesischen bedeutets Steckenpferd. Im Deutschen: Addio, steigt mir bitte den Ruecken runter, auf Wiedersehen ein ander Mal!“ Gute Worte, um mit „Darum“ abzutreten.

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Jahrgang 1969, ist seit 2010 Chef vom Dienst bei taz.de. Kartoffeldruck, Print und Online seit 1997.

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