Kolumne Blagen: Regression, Baby!

Der erste Jugendfreund meldet sich über Facebook. Und versucht wieder in mein Leben zu treten. Aber da ist es schon voll.

Man sollte es kaum glauben - ich kann es selbst kaum glauben -, aber tatsächlich war auch ich mal ein Kind. Erst ein sehr kleines, dann ein halbgroßes und schließlich ein junges Ding, gefangen im Körper einer Fünfzehnjährigen. Äußerlich schon als Frau am Start, emotional noch in der Spielecke. Damals hatte ich meinen allerersten Freund. B. war ein lustiger Jungmann aus der ostdeutschen Provinz, ein paar Jahre älter als ich, und bis klar war, dass wir wohl doch nicht bis an unser Lebensende zusammenbleiben werden, vergingen etwa drei Monate. Also alles in allem eine normale Teenagerbeziehung.

Warum ich das hier erzähle? Weil B. vor ein paar Tagen wieder aufgetaucht ist und nun irritierenderweise versucht, das zu tun, was man "in mein Leben treten" nennt. In meinem Leben ist aber schon alles voll. Sorry, B.

B. wurde mir bei Facebook von diesem verdammten Freundefinder vorgeschlagen.

Ach, dachte ich, guck an, der B.! Ich versandte eine Anfrage und erhielt umgehend eine hocherfreute Antwort. Es stellte sich heraus, dass B. heute wieder in seiner Geburtsstadt in Mecklenburg lebt und seit zwei Jahren schwer krank ist. Die Details seines zweifellos schicksalhaften Unfalls samt der dramatischen Folgen wurden mir relativ umfassend per Facebook mitgeteilt. Es fehlte nur noch, dass B. ein paar ansprechende Wundfotos oder dergleichen angehängt hätte.

Ich verlieh meinem Mitgefühl Ausdruck, wie es sich gehört, und schrieb Sachen wie "Du Armer" und "Tut mir leid". An dieser Stelle muss in B.s Erinnerungs-Gegenwarts-Kontinuum irgendwas falsch verschaltet worden sein. Jedenfalls scheint meine Freundlichkeit ihn auf die Idee gebracht haben, da, an einem Laptop in der deutschen Hauptstadt, sitze die Fünfzehnjährige von einst. Eine Frau, die sich, Jahrzehnte nachdem er sie verlassen hat, immer noch nicht von diesem Schock erholt hat und nun darauf hofft, ihn heilen und trösten zu dürfen.

B. fing nun jedenfalls an, mich in seinen Mails bei meinem früheren Spitznamen zu nennen. Ein schrecklicher Kinderspitzname, den ich nicht nur hier nicht wiederholen werde, sondern den ich ihn auch bat sofort zu unterlassen. Eine schöne Gelegenheit für B., mich damit weiter zu necken. Seine Mails wurden länger, meine immer knapper. Schließlich seine Charmeoffensive: "Möchtest Du zum Wochenende herkommen ? Ich lade Dich herzlich ein, scheiß auf die Fahrtkosten, die bezahle ich gerne für Dich. Obendrein sind hier am Wochenende die Parkfestspiele - lass uns hier Spaß haben - und ich werde nur noch ganz gaanz leise (so, dass es niemand hört) XXX* sagen. Los, trau Dich."

Ich weiß, aus solchen Geschichten werden Drehbücher zu jenen Filmen gedrechselt, in denen sich dann Qualitätsschauspieler wie Christine Neubauer und Heino Ferch einen Wolf spielen. Einst zu jung für die Liebe, aber heute, gebeutelt vom Schicksal, die alten Gefühle neu entdecken und endlich zusammen in den Sonnenuntergang reiten. Sehr ansprechend.

Aber jetzt mal in echt - wenn da ein B. schreibt, er will mit mir nach Las Vegas fahren, die Sonne putzen, beziehungsweise in die Kreisstadt zum Parkfest? Schock! Ich tat das Naheliegende und schrieb: "Auf keinen Fall." Ob das gereicht hat, erfahren Sie in der nächsten Kolumne.

* Hier stand dieser bekloppte Spitzname

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1965, ist taz-Parlamentsredakteurin. Sie berichtet vor allem über die Unionsparteien und die Bundeskanzlerin.

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