Kolumne Älter werden: Rüsselsheim ist überall

"Älterwerden ist nichts für Feiglinge" (Bette Davis). Schon gar nicht in einer sterbenden Kleinstadt.

Im Jahr 1952 in Rüsselsheim geboren, entfloh ich dem kleinbürgerlichen Neuproletariermief der Opelstadt im Todesjahr von Jim Morrison (1971). Vor zehn Jahren kam ich zurück; nicht reumütig, sondern zufällig. Meine in Wiesbaden arbeitende Frau und ich hatten in Rüsselsheim - auf halber Strecke zwischen der hessischen Kapitale und der Redaktion dieser Zeitung in Frankfurt - eine Wohnung in einem blau bedachten Opelbonzenhaus in City- und Bahnhofsnähe gefunden.

Dass Städte wie Menschen dahinsiechen können, ahnten wir da noch nicht. Jetzt wissen wir es. In diesen zehn Jahren nämlich schloss in der City ein alteingesessenes Geschäft nach dem anderen. Die Innenstadt wird heute von den mit Packpapier verhüllten Schaufenstern leer stehender Ladenlokale dominiert; und von - gefühlt - 1.000 Wettbüros, Telefon- und Internetcafés, Ramschläden, Billigfrisören und Imbissbuden. Nach Einbruch der Dunkelheit machen dort durch permanente Testosteronausschüttungen ständig unter "Starkstrom" stehende Jungmänner, die mit ihren - analog zu ihren Gehirnen - tiefergelegten BMWs und Opels durch unsere eigentlich verkehrsberuhigte Straße in die City rasen, die Fußgängerzonen und Kneipen unsicher.

In den dicken Autos aus Bayern sitzen die Jungs von der lokalen Hisbollah, respektive der regionalen Mafia. In den getunten Corsas und alten Vectras kleine (deutsche) Ballermänner oder "Böse Onkelz". Immer öfter kommt es zu Schlägereien; auch die Messer sitzen locker. Trauriger Höhepunkt vor wenigen Wochen: Die "Ehrenmorde" in einem Eiscafé, denen auch eine unbeteiligte Griechin (50 plus) aus einer Schabefleisch- und Bierbude nebenan zum Opfer fiel.

Die ignoranten, seit Kriegsende - mit einer Unterbrechung - von der SPD geführten Stadtregierungen schlugen bislang alle Warnungen vor dem drohenden Zerfall der Zivilgesellschaft in den Wind. Nichts wurde gegen die Ghettobildung im Viertel "Dicker Busch" unternommen, nichts gegen die Verödung der City, die von "normalen" Bürgern aller Nationalitäten zunehmend gemieden wird. Zeitgleich träumt sich der Magistrat weit an der Bevölkerungsstruktur der Stadt vorbei ein mondänes "Opelforum" mit Eventshopping und Galerien herbei. Von den praktizierenden Dilettanten im Rathaus werden Millionen von Euro für Gutachten dafür und für kosmetische Korrekturen am "Stadtbild" verschleudert, die eigentlich dringend zur Finanzierung von Gewaltpräventions- und Integrationsprogrammen schon in den Kindergärten und Grundschulen und für professionelle Streetworker benötigt würden. Man mag sich gar nicht vorstellen, was aus Rüsselsheim wird, wenn GM in den Staaten tatsächlich kollabiert und die Tochter Opel mit stirbt. Dann wird es heißen: "Wir müssen hier raus, das ist die Hölle!" (Ton, Steine, Scherben).

So weit ist es aber noch nicht. Wir von der Generation 50 plus links haben ja Courage. Und die werden wir bei der aktuell notwendig gewordenen Verteidigung unserer Zivilgesellschaft post 68 auch brauchen. Und Fantasie natürlich. Archaische Ansichten von Ehre und Gewaltanwendung (deshalb), neuer Hass auf Homosexuelle und demonstrativ zur Schau gestellte Frauenverachtung - null Toleranz dafür von uns. Wir werden es aber auch nicht zulassen, dass die Rechte die beklagenswerten Verhältnisse in der Provinz dazu nutzt, das Rad der Geschichte in ihrem (Un-)Sinn zurückzudrehen. Wir müssen eben wieder ran, uns überall einmischen, denn es geht um unsere Lebensqualität. Und unsere Zeit wird knapper (davon aber mehr in der nächsten Kolumne). Außerhalb der Metropolen mit ihren leidlich funktionierenden multiethnischen Gesellschaften und der umfassenden kulturellen Grundversorgung für alle Bürgerinnen und Bürger ist Rüsselsheim schließlich überall.

Wie gesagt: Älterwerden ist nichts für Feiglinge. Jungsein heute aber erst recht nicht.

Rein: "20th Century Blues" von Marianne Faithfull (CD). Karten für Django Asül. Raus: "Lexikon der Medizin" (wegen Hypochondrie im Anfangsstadium).

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