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Kolportage einer alten Debatte

■ betr.: „Unterm Strich“ (Marko Martins Rezension über Christa Wolf), taz vom 7. 2. 95

Noch ist es nicht erschienen, da wird es auch schon verrissen, das neueste Werk von Christa Wolf. Lesen scheint nicht unbedingt mehr zum Handwerk der Literaturkritik zu gehören. Wer denkt, daß die leidige und polemische Debatte um Christa Wolf, in vieler Hinsicht exemplarisch für den Umgang mit DDR-Literatur und -Literaten, endlich ein Ende gefunden hat, der irrt. Doch derartige An- und Nachklänge ausgerechnet in der taz anzutreffen, verwundert.

Erste Verwunderung: „Marko Martins Rezension über Christa Wolf“ – bisher habe ich immer gedacht, Bücher werden rezensiert. Auch Christa Wolf scheint auf dieser Basis zu schreiben und hat im Hebbel-Theater nicht über sich gesprochen, sondern doch tatsächlich altmodischerweise vorgelesen. Unerhört. Also schreiben wir doch vordergründig auch etwas über die Lesung, gemeint ist aber Christa Wolf. Das hat sich ja in den letzten Jahren bewährt, merkt sicherlich keiner.

Seltsame Weggefährten sucht sich da Marko Martin und schreibt wie schon vor ihm Ulrich Greiner in der Zeit – allerdings schon vor einigen Jahren – vom „Christa- Sound“, dem ehemals hochgelobten und jetzt als „Holzschnittprosa“ abgetanen. Christa Wolf ist in Ungnade gefallen, da lohnt es sich, auch auf den längst schon abgefahrenen Zug aufzuspringen. Schadenfreude scheint aufzuflattern, als er im Bösewicht Euripides „eine Art Vorläufer des maliziösen Westfeuilletons“ zu erkennen glaubt. Gelernt scheint er nichts aus der Diskussion zu haben.

Marko Martin ist ein kompetenter Kritiker. Einige Auszüge aus einem Manuskript, vorgelesen an einem Winterabend, vermischt mit angestaubten Versatzstücken, genügen ihm, ein Urteil zu bilden und zwar ein endgültiges: „Medea ist ein Aufguß von Kassandra (...) bloße Simulation der Simulation.“

Martin hat wohl erreicht, was er wollte: Als erster über „Medea oder Die Verkennung“ zu schreiben, das heißt, eigentlich hat er nur eine Kolportage einer alten Debatte abgeliefert... Ob die taz eine derart selbstgefällige „Mainstream“-Literaturkritik nötig hat, ist eine andere Frage. Stefan Wieczorek, Marburg

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