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Kohl fand die neue Frau

■ Die Professorin Ursula Maria Lehr wird neue Ministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit

Berlin (dpa/ap/taz) - Jetzt hat Kohl sie endlich gefunden: die „Persönlichkeit“, nach der er seit Tagen fandete Nachfolgerin Rita Süssmuths im Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit wird die 58jährige Wissenschaftlerin Ursula Maria Lehr. Kohl pries sie als „dynamisch“ und „sachkundig“.

Die Professorin für Psychologie und Gerontologie in Heidelberg hat den Ruf einer international anerkannten Spezialistin auf dem Gebiet der Altersforschung.

Die mit Spannung erwartete Entscheidung Kohls sorgte in Bonn für Überraschung und Ärger bei den Unions -Parlamentarierinnen. Kohl hat sich damit erneut - wie schon bei der Ernennung Rita Süssmuths - über die Frauen der Fraktion hinweggesetzt.

„Natürlich sind wir enttäuscht, daß es keine von uns geworden ist“, sagte die Sprecherin der CDU/CSU -Frauengruppe, Ursula Männle, gestern der taz. Es stelle sich die Frage, welche Bedeutung aktive Parlamentsarbeit noch habe. Männle kündigte an, die Unionsfrauen würden demnächst ein Gespräch mit Kanzler Kohl zu diesem Thema führen. Die Frauengruppe hatte die 61jährige stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU, Roswitha Verhülsdonk, favorisiert.

Nach Walter Wallmann, Klaus Töpfer und Rupert Scholz hat Kohl mit Ursula Lehr erneut eine „Seiteneinsteigerin“ zur Ministerin gemacht. Ihre bisherigen Veröffentlichungen und die politische Beratungstätigkeit des langjährigen CDU -Mitglieds weisen darauf hin, daß die künftige Ministerin dem Reformflügel der Union zuzurechnen ist. So arbeitete sie an den Essener Leitsätzen für eine neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau mit. Damit hatte Heiner Geißler den „Abschied von der Männergesellschaft“ eingeläutet und eine modernsisierte Frauenpolitik für die Union entworfen.

Der Generalsekretär der CDU wertete die Ernennung von Ursula Lehr so auch als eine „sehr gute und mutige Entscheidung“. Auch Amtsvorgängerin Rita Süssmuth sprach von einer „hervorragenden Personalentscheidung“. Sie sehe die Kontinuität ihrer eigenen Politik dadurch voll gewahrt. Ursula Lehr hatte in Sachverständigenkommissionen und Fachbereichen des Süssmuth -Ministeriums in den vergangenen Jahren bereits des öfteren mitgearbeitet.

Lehr, die sich an der Universität Bonn habilitierte, ist seit zwei Jahren Direktorin des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg - ein Lehrstuhl, der als erster dieser Art in der Bundesrepublik der Wissenschaftlerin auf den Leib geschneidert wurde. Lehr werden gute Kontakte zur baden-württembergischen Landesregierung nachgesagt. Sie gehört dem „Tonbacher Kreis“ an, einem unabhängigen Beraterstab aus WissenschaftlerInnen und PublizistInnen um Ministerpräsident Lothar Späth.

Frauenpolitisch ist die künftige Ministerin vor allem in den Bereichen Wiedereinstieg in den Beruf und Lebensperspektiven älterer Frauen engagiert. In Rentenfragen gilt sie als kompetent. Es ist zu erwarten, daß sie sich in der Rentenreform für die verstärkte Anerkennung von Erziehungszeiten und Pflegejahren einsetzen wird. In Bezug auf den Paragraph 218 und das geplante Beratungsgesetz ist Ursula Lehr bislang kaum in die Öffentlichkeit getreten. Für die Generalsekrätrin der FDP, Cornelia Schmalz-Jacobson, ist Lehr in diesem Punkt „offen für die Belange der Frauen“.

Ursula Lehr wird am 9.Dezember zusammen mit Helmut Haussmann (FDP), der die Nachfolge Martin Bangemanns im Wirtschaftsministerium antritt, ihre Ernennungsurkunde erhalten.

Helga Lukoschat

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