Körperliche Geistlichkeit: Die Hölle auf Erden

Wo Kirche noch als unangreifbare Institution auftreten kann, haben es Missbrauchs-Priester wie Andreas H. besonders leicht. Die Schäden, die sie verursachen, kann der Rechtsstaat nicht heilen.

Glaubwürdig, unglaubwürdig - vor Gericht wäre das die entscheidende Frage gewesen: Ist das Opfer von Andreas H. glaubwürdig in der Aussage, dass es von seinem Seelsorger nicht nur sexuell missbraucht - die verjährte Tat ist ja eingeräumt - sondern auch vergewaltigt wurde? Die junge Frau hätte die Zweifel zu zerstreuen gehabt, dazu gibt es im Rechtsstaat keine Alternative.

Sie hätte dafür hinabsteigen müssen in Erinnerungen, die sie, 20 Jahre lang, bemüht war, zu verdrängen. Andreas H. hingegen hätte nicht mal von seiner - herausragenden - Rednergabe Gebrauch machen müssen. Für sie wärs die Hölle auf Erden gewesen. Für ihn eine leichte Übung: Er hätte zuhören können - und fromm tun.

Darin ist er Profi. Gerade im Emsland, wo Andreas H. tätig war, bedeutet das katholische Priesteramt fast vollständige Immunität. In den Lokalzeitungen von Andreas H.s Wirkungsstätten finden sich Huldigungen an den charismatischen Seelsorger - aber nicht ein kritisches Wort fällt über die innerkatholische Sekte, die er im Pfarrhaus aufzog. Er war halt der Pastor, unangreifbar, seiner Macht nicht nur vollkommen bewusst, sondern allzeit bereit, sie zu missbrauchen.

Es ist diese Machtfunktion, die Reste einer überkommenen Autorität, die kirchlichen Missbrauch begünstigt. Und für dessen Opfer die Hölle auf Erden errichtet. Um glaubwürdig zu werden, müsste die Kirche selbst aktiv an der Beseitigung ihrer Machtreste mitwirken. Denn der Rechtsstaat kann die Schäden, die sie hinterlassen, nicht heilen.

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Jahrgang 1972. Seit 2002 bei taz.nord in Bremen als Fachkraft für Agrar, Oper und Abseitiges tätig. Alexander-Rhomberg-Preis 2002.

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