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taz FUTURZWEI

Klimaschutz und Demokratie „Verantwortung für Kinder war noch nie politischer“

Soll man noch Kinder in diese Welt setzen? Ein FUTURZWEI-Gespräch zwischen Chefredakteur Peter Unfried und Luisa Neubauer.

Avancierte zur Stimme der deutschen Zivilgesellschaft: Autorin und Aktivistin Luisa Neubauer Foto: Marlena Waldthausen

taz FUTURZWEI: Frau Neubauer, das ist keine persönliche Frage, sondern eine grundsätzliche, die unter Klimaaktivisten immer wieder gestellt wird: Kann man noch Kinder in diese Welt setzen?

Luisa Neubauer: Ja, natürlich.

Führen Sie das bitte aus.

Ich glaube, wir müssen Elternschaft neu definieren. Eltern haften für ihre Kinder, was heißt das in einer 1,5 Grad wärmeren Welt? Oder einer noch heißeren Welt? Dadurch muss Elternsein eben viel weiter definiert werden. In gewisser Weise war es nie politischer, für ein Kind Verantwortung zu übernehmen, in dieser Zeit, in dieser Welt. Das ist erst mal ein Drama, gesellschaftliche und ökologische Umstände sollten nicht so weit ins Privatleben hineinragen, doch das tun sie.

Auch als Gesellschaft müssen wir uns anders Gedanken machen: Wie geben wir Acht auf unsere Kinder? Die Tatsache, dass Menschen weiterhin Kinder bekommen wollen, ist doch alles, was wir wissen müssen, um darauf achtzugeben, dass eine Welt erhalten wird, die lebensbejahend ist und für die Kindern ein Zuhause sein kann.

Die Frau: Co-Initiatorin von Fridays for Future. Publizistin, Buchautorin und Geografie-Studentin. Jahrgang 1996. Geboren in Hamburg, lebt in Berlin. Hostet den Klima-Podcast 1,5 Grad.

Das neue Buch: Was wäre, wenn wir mutig sind? Rowohlt 2025 – 144 Seiten, 13 Euro

Zum taz FUTURZWEI-Gespräch traf sie sich mit Peter Unfried in einem Café in Berlin-Mitte. Sie hatte gerade am Brandenburger Tor eine große Rede gehalten und war auf dem Weg zu einer weiteren Großveranstaltung im Ausland.

Ich finde es völlig absurd, wie Erwachsene anscheinend entschieden haben: Kinder dürfen nur zu Gast sein in dieser Welt und müssen eigentlich erst 15 Jahre lang abwarten, bis sie mitmachen dürfen bei den Großen. Da sind ganz, ganz viele ethische Grundfragen zu stellen. Und die Fragen von Kindern und Klimakrise würde ich immer in Richtung von Loslegen und Handeln beantworten.

Schon in den 1970ern haben sich politische Linke sterilisieren lassen, weil die damals auch auf dem Trip waren, in diese Welt könne man keine Kinder mehr setzen.

Zunächst mal ist es überhaupt nicht angemessen von mir oder sonst jemand, in die privateste aller privaten Entscheidungen von Menschen reinzureden. Es gibt ja tausend andere individuelle Gründe, warum manche keine Kinder bekommen wollen.

Wenn man mich aber als Aktivistin fragt, ob ich es ablehnen würde, Kinder zu bekommen, oder ob ich Menschen abraten würde, Kinder zu bekommen, dann würde ich das klar abwehren. Ich glaube in den letzten sechs Jahren, würde ich sagen, waren es in weiten Teilen Kinder, die uns gezeigt haben, wie Hoffnung in der Umsetzung funktioniert.

Sie meinen Fridays for Future?

Ja, ich meine die jungen Leute überall auf der Welt.

Keine Kinder, keine Zukunft, simple as that. Vor diesem Hintergrund haben Aladin El-Mafaalani und seine Kollegen rausgearbeitet, dass Kinder und Jugendliche, vielleicht noch Gen Z, die diskriminierteste Minderheit überhaupt sind. Niemand macht Zukunftspolitik für sie.

Und das ist eine Katastrophe. Der einzige Grund, warum Menschen und vor allem Eltern deswegen nicht schon reihenweise auf den Barrikaden stehen, ist, weil man sie strukturell so sehr erschöpft, dass da viel zu wenig Raum übrig bleibt, sich darüber zu empören, was man Kindern antut. Ich frage das ja auch in meinem Buch: Wie kann es sein, dass Autos in dieser Gesellschaft in gewisser Weise mehr Freiheiten genießen als Kinder? Wenn man etwa an Platz oder Lärm denkt.

Andererseits ist die familiäre Sensibilität gegenüber Kindern, der sorgsame Umgang, das Kümmern extrem gewachsen, bei den Eltern oder einem großen Teil der Eltern. Viele haben schlaflose Wochen, bis ihr Kind endlich in der richtigen Schule ist. Gab‘s früher nicht.

Das stimmt, aber was ist denn ein großer Grund dahinter? Zumindest ein Grund dafür ist ja die zunehmende Angst, die man um seine Kinder hat, weil die Welt unsicherer wird, weil neue Technologien Kinder sonst wohin katapultieren, weil der Druck auf die Karriere so sehr gewachsen ist und Kinder sich mit fünf Jahren in irgendwelchen kompetitiven Verfahren für Grundschulen qualifizieren müssen.

Dass man sich zunehmend sorgt, wäre ja für sich betrachtet etwas ganz Schönes. Aber dahinter steht – so befürchte ich – viel Panik oder Unwohlsein, weil sich viel zu viele Menschen nicht darauf verlassen können oder wollen, dass Gesellschaft und Staat ausreichend Schutz für Kinder zur Verfügung stellen, damit Eltern auch mal lockerlassen können.

Naja, der Staat hat sich ja schon auch entwickelt, Ganztags-schulen, Biokantinen, Pipapo.

Okay, aber gleichzeitig war es zumindest in meiner Grundschule so, dass die Initiative für die Ganztagsschule nicht von dem Staat kam, sondern von Eltern, die meinten, wir bräuchten bessere Betreuung. Und jedes ökologische Schulessen ist hart erworben und jedes sanierte Schulklo ist ein Kampf. Also, bei aller Liebe: Es fühlt sich jetzt nicht an, als würde man Kinder genauso ernst nehmen wie die Erwachsenen.

Stimmt.

Abgesehen davon sitzen wir in einem der reichsten Länder und haben etliche Kinder in Armut. Die Messlatte kann doch nicht sein, dass es nicht allen komplett dreckig geht. Die Messlatte muss doch sein, dass jedes Kind in Würde leben kann, und das gar nicht nur materiell, sondern vielmehr auch kulturell gesehen. Wo sind die Orte, wo Kinder richtig stattfinden können? Wie werden sie in der Stadt, in der Infrastruktur mitgedacht? Wie werden sie im Bundeshaushalt mitgedacht? Noch immer gibt es Kinderrechte nicht im Grundgesetz. Ich würde mich damit nicht zufriedengeben wollen.

El-Mafaalani arbeitet weiter heraus, dass Kinder, junge Menschen, die diverseste Gruppe überhaupt sind, weil die – anders als die Boomer – fast zur Hälfte migrantischen Hintergrund haben. Mit Fridays ist es zum ersten Mal gelungen, den Eindruck zu erwecken, es sei eine Interessengemeinschaft entstanden.

Ich glaube, es gibt eine Art moralische Einheit, die man durchaus entwickeln kann: dass junge Leute, Kinder, ein übergreifendes und gemeinschaftliches Interesse daran haben, dass ihre Zukunft geschützt wird. Wie das genau passiert, da gibt es nicht die eine Meinung, auch entlang junger Leute oder Kinder nicht. Da ist vielmehr auch so eine Art Lagerbildung. Aber wir haben es mit Fridays geschafft, einen weiten Teil von jungen Leuten zu mobilisieren, für eine Art Minimalkonsens zusammen einzustehen. Das finde ich schon gut.

Aber jetzt ist das in der Mediengesellschaft gerade nicht mehr sichtbar.

Ja, ja. Also die Bewegung mobilisiert ja weiter. Es gibt an endlos vielen Schulen Fridays-AGs und in über hundert Orten in Deutschland Ortsgruppen, die jede Woche ihr Plenum machen und die Politik herausfordern. Und wir machen wahnsinnig viel Weiterbildung und Trainings, gerade von jungen Leuten, an Schulen und so. Keine Sorge, die sind mobilisiert.

Aber?

Aber wir können als junge soziale Bewegung zwar immer aus eigener Kraft Zuversicht mobilisieren und Handlungsbereitschaft bei jungen Leuten, wir können aber nicht wettmachen, was an Zuversicht, zum Beispiel durch gebrochene Versprechen der Regierung, kaputt gemacht wird. Das, was bei uns passiert, ist immer auch Blueprint für zwei Dimensionen. Wie kräftig und stark sind wir? Und wie kräftig und stark ist das Vertrauen, dass politisches Handeln oder politisches Engagement sich gerade lohnt?

Die eine Hälfte, das können wir machen, und wenn es nicht gut läuft, müssen wir uns da selbst angucken. Das andere liegt nicht in unserer Hand. Das ist der große Unterschied zu 2019 bis 2022, wo es für viele Menschen völlig offensichtlich war, dass wir im Sinne der staatlichen Klimaziele alles Recht haben, auf die Straße zu gehen und sich in der Folge demokratische Parteien dem zuwenden werden, nicht von heute auf morgen, aber im Laufe der Zeit. Was dann passierte, war eben gar nicht nur klimafeindlich oder klimaschädlich.

Sondern?

Die vielen gebrochenen Versprechen, die vielen Verzögerungen, dass viele Zurückrudern, das war im tiefsten Sinne auch schon demokratieschädigend.

Von den liberaldemokratischen Parteien?

Klar, ich nenne nur: das Klimagesetz zu verabschieden und dann wieder abzuschwächen, wenn man in der Regierung ist. Klimapolitik so zu machen, dass sie verfassungswidrig ist. Immer wieder das offensive Beschimpfen von jungen Leuten, was gerade die Letzte Generation abbekommen hat, die sich für ihr Leben und das von uns allen einsetzt. Das alles verdient eigentlich eine ganz eigene Aufarbeitung, gar nicht nur ökologisch, sondern eben demokratisch gesehen.

Das kommt in Ihrem Buch auch vor, dass die Stimmung entscheidend ist dafür, ob man eine politische Dynamik hinkriegt. 2019 bis 2021 war das so, dass Leute, Eltern, Gemeinderäte, Politiker den Eindruck hatten: Okay, das machen wir jetzt, das muss jetzt sein. Nun ist das weg.

Naja so schwarz und weiß ist das nicht. Man muss sich ja Klimaschutz in der Umsetzung vorstellen wie so ein Orchester, in dem verschiedene Instrumente in ihrem eigenen Rhythmus spielen.

Ein Rhythmus ist der kommunalpolitische. In der Kommunalpolitik wird in den letzten Jahren zunehmend Klimaschutz gemacht. Das ist jetzt teilweise durch die Polemik erschwert geworden, aber auch durch viele Landesgesetze passiert da jetzt etwas. Etwa in Sachen Hitzeschutz werden da jetzt Klimaanpassungsmanager eingestellt. Da werden die Hochwasseranpassungspläne gemacht.

Wenn ganz oben die Melodie leiser wird oder eben von rechts eingenommen, dann setzt das natürlich einen Ton, ein Grundrauschen. Aber es wäre zu einfach, Klimaschutz als eine eindimensionale Veranstaltung wahrzunehmen, die mal auf- und mal abgeht, es ist vielschichtig.

Welche Schichten sind das noch?

Das andere ist Kunst und Kultur. Das war ein Riesenglück, dass gerade rund um die Corona-Pandemie und auch danach die großen Kinoproduktionen rauskamen, die großen Filme. Joko Winterscheidt hat seine große Amazon-Serie The World’s Most Dangerous Show rausgebracht, die auch inspiriert war von uns.

Das ist mein großer Appell in diesem Buch: Gerade jetzt muss man wahnsinnig genau hingucken und sich nicht einreden lassen, dass die Dinge hier schwarz-weiß wären, was Klimaschutz angeht. Die Umsetzung ist jetzt viel schneller, als es 2019 der Fall war. Damals gab es aber eine Debatte, die schneller war. Zu keinem Zeitpunkt wurden in so einer Geschwindigkeit Windräder aufgestellt, wie in den letzten fünf Jahren.

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Kinder und Jugendliche sind die politisch ignorierteste Randgruppe der Gesellschaft. Dabei muss diese Minigruppe demnächst die vielen Renten bezahlen und den ganzen Laden am Laufen halten. Was muss sich ändern?

Mit Aladin El-Mafaalani, Marlene Engelhorn, Arno Frank, Ruth Fuentes, Maja Göpel, Robert Habeck, Celine Keller, Wolf Lotter, Lily Mauch, Luisa Neubauer, Henrike von Scheliha, Stephan Wackwitz und Harald Welzer.

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Bezeichnen Sie sich eigentlich noch als Klimaaktivistin?

Ja. Ich bin auch tausende andere Sachen, aber eins davon ist das. Ich bin Publizistin, ich bin aber auch Studentin, ich bin Sprecherin einer Bewegung, ich bin Skilehrerin ...

Skilehrerin auch?

Ja. Und was die Labels angeht: Meine Großmutter sagt, sie sei engagierte Bürgerin, und meine Mutter sagt, sie sei Demokratin – und ich sage, ich bin Aktivistin, who cares?

Es findet ja gerade ein Hegemonialkampf statt um den Begriff der ‚normalen Menschen’. Man kann auch sagen: Wir brauchen keine Aktivistinnen, wir brauchen normale Menschen, die sich als Teil ihrer vielfältigen Identität auch darum kümmern, dass Zukunftspolitik gemacht wird.

In Deutschland engagieren sich wahnsinnig viele Leute, man könnte sagen, es ist relativ normal, dass sich Menschen engagieren. Was mit dem Begriff normale Menschen gemeint ist, ist nicht die Unterscheidung zwischen Latte Macchiato und Weißbier, sondern es ist das Warten auf eine Person, die qualifizierter ist, um sich vor Ort, bei der eigenen Arbeitsstelle, in der eigenen WG oder in der eigenen Uni zu engagieren. Das ist trügerisch, weil wir alle durch unsere Teilnahme in dieser Gesellschaft qualifiziert sind. Wir haben alle ein Recht auf Klimaschutz, und das sollen wir auch verteidigen. Mein Eindruck ist, dass die Suche nach dem ‚Normalen’ tendenziell der Ausgrenzung gilt, und nicht der Einbindung.

Sie arbeiten im Buch auch heraus, dass der Begriff Doppelmoral im Grunde für uns alle zutrifft, aber nicht wirklich hilfreich ist. Er dient nur der Denunzierung von Leuten, die sich engagieren.

Ja, genau. Mein Plädoyer in diesem Buch ist, sich davon nicht aufhalten zu lassen, im Gegenteil. Was soll denn Doppelmoral bezeichnen, doch wohl den Unterschied zwischen dem Wollen und dem realen Praktizierten. Den Unterschied leben wir ja alle, weil wir in einer nicht nachhaltigen Welt leben und eine nachhaltige Welt wollen.

Ich ermutige ja praktisch mit diesem Buch, sich zwischen den Stühlen einzurichten, weil wir da sind. Diese Suche nach der Reinheit, nach dem einzig Wahren führt ins Nirgendwo, und am Ende deprimiert das 
und laugt aus und hilft nur denjenigen, die sich nicht mal mehr zwischen die Stühle wagen würden, weil sie in der destruktiven Welt von vorgestern gefangen sind.

Sie waren während des Präsidentschafts-Wahlkampfes 2024 wochenlang in den USA. Was haben Sie gelernt, was Sie vorher nicht wussten?

Dass ein Klimadiskurs sich selbst verliert, der aus scheinbarer Rücksicht auf verletzte Gefühle das Wort Klima nicht mehr in den Mund nimmt. Dass nicht nur Klima ein zu starkes Wort ist, sondern dann für manche auch E-Autos. Dass Windräder nicht gehen und Solarenergie auch nicht. Und über Gesetze darf man schon gar nicht sprechen. Das ist das, was in den USA passiert. Ein Klimadiskurs, der sich selbst verschluckt hat.

Ich habe da auch festgestellt, wie wichtig es ist, sich mit den verschiedenen Ebenen zu beschäftigen, auf denen Klimaschutz gemacht wird. Wenn es bundespolitisch nicht geht, dann kann man ganz viel in den einzelnen Staaten voranbringen, was bei uns die Landesebene wäre. Wenn das da nicht geht, in einer Stadt, einer Kommune. Und eine der Sachen, die ich wirklich sehr beeindruckend fand: dass man sich in den USA durch diese polarisierte Geschichte nie eingebildet hat, man würde mit besseren Argumenten gewinnen.

Das ist mein großes Plädoyer in meinem Buch: sich nicht auf die besseren Argumente oder die besten Fakten zurückziehen, sondern immer in die ökologischen Fragen reingehen, als wäre es ein Kampf, denn das ist es. Echte ökologische Politik ist immer eine Kampfansage an etablierte Machtstrukturen.

Kann man mit besseren Gefühlen gewinnen?

Vorausgesetzt man hat auch die guten Lösungen: mit besseren Gefühlen, mit besseren Geschichten, mit besseren Bildern.

Aber die besseren Gefühle sind derzeit die negativen Gefühle. Die Wutgefühle.

In den USA sind sie schon auch sehr gut darin, gute Gefühle zu nutzen und Hoffnung und Zuversicht und Spaß bei der Sache zu verbreiten. Und dieser Inflation Reduction Act wurde bei uns oft besprochen mit Blick auf das Geld, das dadurch möglich gemacht wurde für Klimaschutz. Viel zu wenig wurde besprochen, was für ein Aufwand in das enorme Campaigning dahinter gesteckt wurde, weil man sich von Anfang an klar war: Wir müssen da richtig hinterhergehen als Zivilgesellschaft, als NGO-Welt, als Stiftung, wenn wir das Ding erkämpfen wollen.

Und das haben sie genau so gemacht. Das ist nicht vom Himmel gefallen, weil da ein paar gute Kongressabgeordnete sinnvoll verhandelt haben, 
sondern weil man sich zwischen Politik und Zivilgesellschaft konstruktiv zusammengesetzt und gesagt hat: Was wollen wir eigentlich und wie kämpfen wir dafür? Was man sich dort auch abgucken kann, ist dieses Kollaborative.

Wenn eine Zivilgesellschaft sich hinter einem Gesetz vereint, und bereits in der Konstruktion des Gesetzes, hat man auch gleichzeitig schon synergetisch eine Allianz, die interessiert ist, dass das Gesetz gut umgesetzt wird. Deswegen gibt es gerade so wahnsinnig viele Initiativen, die Teile des Inflation Reduction Act umsetzen. Etwa, wenn es um Solarpanels geht oder um Isolierung oder um E-Autos.

Joe Biden hat den magischen Satz geprägt, wie man Klimaschutz mehrheitsfähig durchsetzt: „When I hear climate, I think jobs.“

Ja, das ist sehr, sehr wichtig, dass man Klima und Jobs zusammendenkt. Was aber in den USA auch passiert, ich habe das angesprochen: dass Gesetze nicht mehr verhandelt werden, weil das Wort E-Auto schon provoziert. Wenn man sich darauf einlässt, dass ein erwachsener Mann und gewählter Abgeordneter von dem Wort Klima getriggert wird in einem Gesetz, dann frage ich mich, wann wir aus dem Kindertheater vielleicht mal nach Hause gehen wollen.

Das sind Republikaner, nehme ich an.

Reihenweise Republikaner. Du findest in einem republikanischen Klimadiskurs nicht mehr das Wort Klima. Und deshalb finde ich es gefährlich, die USA für uns als Maßstab und als Innovation zu verstehen. Das sorgt dafür, dass wir immer weitere Teile der Realität in unserem Diskurs ausblenden. Ich würde es eher andersherum drehen: Wir haben in Deutschland sehr, sehr viel errungen, was wir dringend verteidigen müssen und was in den USA gerade undenkbar wäre.

Frau Neubauer, ich bin so ein bisschen besorgt, weil Sie in dem Buch immer noch sehr moralisch daherkommen. Glauben Sie immer noch, dass Menschen bessere Menschen werden und dass sich dadurch etwas zum Besseren ändert?

Gar nicht. Das ist doch meine ganze These in meinem Buch, dass es überhaupt nicht darum geht, bessere Menschen zu werden.

Aber das taucht immer wieder auf.

Nein, ich glaube, es ist leichter, glücklich oder möglichst wenig getriggert durch die Welt zu laufen, wenn wir der Welt in die Augen gucken und anerkennen, dass sie brennt. Wenn du Klimawissenschaft leugnest, warum solltest du dann die Medizin anerkennen oder die Expertise der Sicherheitspolitik oder was auch immer. Du musst dann immer weiter die Welt verklären und die Realität leugnen, um dieser Sache irgendeine Art von Sinn geben zu können. Das ist Crazy Town. Da drehen alle gerade durch. Und der andere Pfad ist Common Sense. Zu sagen, nee, wir nehmen die Welt an, wie sie ist, und wir drehen nicht durch.

Der bundesdeutsche Wahlkampf war ein Beispiel dafür, dass man die veränderte Welt nicht komplett, aber weitgehend ignorieren kann.

Der Wahlkampf war in weiten Teilen eine Zirkus-Aufführung. Crazy Town. Davon muss man sich abkapseln. Es ist aber total schwierig, Menschen, die rumhampeln und meinen, man kann die Welt für seine Programmatik so umbauen, wie es gerade passt, zu sagen, „ehrlicherweise gibt es da auch eine objektive Wahrheit, auf die man sich einigen könnte“.

Wir brauchen keine ‚besseren’ Menschen. Was wir machen müssen, ist, uns als ‚normale’ Menschen zu nehmen, wie wir sind, und auf dieser Grundlage die vielen Möglichkeiten zu erkennen, sich einzubringen. Beim Common-Sense-Team bleiben und nicht nach Crazy Town gehen. Indem ich mich als mündige Person im politischen Kosmos ernst nehme, gebe ich ja auch immer eine Liebeserklärung mir selbst gegenüber ab. Wie läuft man gerade durch die Welt, die um uns herum zerbricht? Wie zerbricht man da nicht selbst?

Und mir gelingt es dann am besten, wenn ich mich nicht vor der Welt verstecken muss, sondern sagen kann, hier bin ich und ich gucke der Welt in die Augen, weil ich weiß, ich kann ein ganz kleines bisschen was dazu beitragen, dass es besser wird oder weniger schlimm.

Ihr Buch ist auch ein Plädoyer dafür, begründet zuversichtlich sein zu wollen. Weil Apokalyptik keine konstruktive Bewegung ist?

Richtig.

Robert Habeck hatte einen Zuversichtlichkeitswahlkampf geführt. Das hat Leute angefixt, aber auch irritiert.

Aber warum ist das so? Ich glaube nicht, dass die Zuversicht das Problem ist. Es ist das, was vor der Zuversicht steht. Und das ist für viele Menschen die Trübsal. Ich benenne ja im Buch auch sehr viele Szenarien, die schwierig werden. Das glaube ich auch. Solange die Zuversicht als pädagogische Counter-Maßnahme zu den real gefühlten Wahrnehmungen der Welt gesehen wird, steht sie immer unter Verdacht, irgendwas ausblenden zu wollen.

Es muss eine ehrliche Zuversicht sein, und die muss erst einmal anerkennen, dass es für viele Menschen gerade ganz schön krass ist und hart und anstrengend in dieser Welt. Wenn das aber anerkannt ist, wenn dem Raum gegeben wird, eröffnet sich da etwas. Das erlebt man ja in jedem Gespräch.

Sie führen auch aus, dass hohle Zuversicht nichts bringt, wenn man sagt, das wird schon werden, das 1,5-Grad-Ziel wird schon eingehalten werden, Putin wird uns schon nicht angreifen.

Ja, das ist blinder Optimismus. Und auch respektlos der Zuversicht gegenüber, die ja so eine wichtige Stellung hat. Man darf Zuversicht nicht missbrauchen, um ungewollte und unschöne und irgendwie unpraktische Gefühle aus dem Weg zu räumen. Dem muss man erst mal einen Raum geben. Aber das Interessante ist ja, dass auch in den düstersten Zeiten irgendwer anfängt zu lachen. Und dass Kinder manchmal auch lachend auf die Welt kommen. Wenn wir im eigenen Alltag Raum geben und Aufmerksamkeit und Liebe für irgendeine Form von Zuversicht und für Verliebtsein in die Welt, dann ist das auch immer da.

■ Luisa Neubauer tourt derzeit durch die Bundesrepublik mit ihrem neuen Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“. Anlässlich der Leipziger Buchmesse findet am 27.03. in der Galerie KUB ein taz Talk mit Luisa Neubauer und Peter Unfried statt. Kommen Sie vorbei oder verfolgen Sie die Veranstaltung im Live-Stream!