Klimaschutz und Arbeitsmarkt in Bremen: Hand­wer­ker:innen for Future

Um Bremen in Sachen Klimaschutz voranzubringen, braucht es mehr Fachkräfte. Besonders im Handwerk wird es immer schwieriger, Auszubildende zu finden.

Eine Handwerkerin bringt Dämmmaterial unter dem Dach eines Hauses an.

Klimaschutz ist Handarbeit – irgendwer muss es aber auch machen Foto: Oliver Berg/dpa

BREMEN taz | Klimaneutralität in Deutschland bis 2050 ist der Plan – laut einer neuen Studie der Stiftung Klimaneutralität und Agora Energiewende könnte dieses Ziel sogar schon 2045 erreicht werden. Bremen hinkt bei den selbstgesteckten Klimazielen jedoch massiv hinterher, das Ziel der CO2-Reduktion 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 wurde mit nicht einmal 20 Prozent krachend verfehlt.

Seit über einem Jahr tagt die ressortübergreifende Bremer Klima-Enquetekommission regelmäßig zu verschiedenen Aspekten von Umwelt- und Klimaschutz. Am vergangenen Freitag wurde neben dem Klima-Dauerbrenner „Mobilität und Verkehr“ auch die Frage diskutiert, wer die viel gepriesenen Technologien der Zukunft eigentlich bauen soll. „Wenn wir über Wasserstofftechnologie und klimaneutrales Fliegen nachdenken, müssen wir Qualifizierungsprozesse mitdenken“ sagt Kai Stührenberg, Staatsrat der Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa.

Dabei sollen nicht nur Auszubildende unterstützt werden, sondern auch die Betriebe selbst – denn gerade kleine und mittlere Unternehmen haben laut Stührenberg Schwierigkeiten, mit den kommenden Veränderungen und dem „Innovationsdruck“ auf dem Markt mitzuhalten. Eine besondere Schwierigkeit sei, dass diese „sozial-ökologische Transformation“ dabei in ihren Einzelheiten nicht vorhergesehen werden könne.

„Flexibilität“, „Innovation“, „He­rausforderung“ und „Skills“ scheinen die geflügelten Worte in der Debatte zu sein. Konkrete Beispiele gibt es allerdings wenig. „Wir reden an dieser Stelle sehr viel über Philosophie, wir müssen aber spezifischer werden“, sagt Magnus Buhlert von der FDP. Ohne Menschen, die es möglich machten und am Ende auch anpackten, werde man etwa den Sanierungsstau nicht schaffen.

Engpässe bei Sanierung

Carsten Sieling von der SPD und stellvertretender Vorsitzender der Kommission macht das Problem am Thema Gebäudesanierung konkret: Die aktuelle Sanierungsquote von 1,5 Prozent müsste eigentlich verdoppelt, wenn nicht sogar verdreifacht werden. Es gebe jedoch schon jetzt Engpässe. Für Sanierungen braucht es Hand­wer­ke­r:in­nen – und diese zu finden, wird immer schwieriger.

Im Januar 2020 haben alle Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft gemeinsam die Enquetekommission Klimaschutz eingesetzt.

Ihre Aufgabe: eine Klimaschutzstrategie für das Land Bremen zu entwickeln. Dabei soll sie sich am Pariser Klimaabkommen orientieren und konkrete Handlungsempfehlungen für einzelne Sektoren geben.

Die Kommission ist mit je neun Abgeordneten und von den Fraktionen eingesetzten Sachverständigen besetzt, entsprechend ihrer Fraktionsstärke im Landtag.

Sie tagte erstmalig im Mai 2020. Noch in diesem Jahr möchte sie einen Abschlussbericht vorlegen.

Laut Staatsrat Stührenberg ist es wichtig, Jugendlichen bei der Berufswahl besser zu vermitteln, dass man nicht nur auf dem akademischen Weg, sondern auch im Handwerk Karriere machen kann. „Mitarbeitende in Handwerksberufen müssen zu Botschaftern werden“, sagt auch Janina Brünjes von der SPD. Botschaften an junge Menschen zu vermitteln, wird dabei aber immer schwieriger. „Wir haben ein Riesenproblem bei der Ansprache“, sagt Stührenberg. Zusammen mit der Jugendberufsagentur arbeite man deshalb auch am Digitalmarketing. „Wir müssen mehr Bilder und Visionen schaffen, um zu zeigen, was es überhaupt alles gibt.“ Wie diese Bilder aussehen und wie man das Handwerk tatsächlich nice vermarktet, bleibt offen.

Ein Problem seien außerdem die vielen abgebrochenen Ausbildungen im Handwerk. Nicht alle Betriebe könnten laut Stührenberg mit den Anforderungen umgehen, die Jugendliche heutzutage stellten. Aber nicht die Jugend müsse sich anpassen, sondern die Betriebe. Buhlert von der FDP fordert mehr Teilzeitmodelle, sowohl im Studium als auch bei Ausbildungen. Auch duale Ausbildungsangebote – also solche, die sowohl einen betrieblichen als auch einen akademischen Anteil haben – sollen gestärkt werden.

Von klimabedingten Veränderungen in der Wirtschaft sind aber vor allem auch die Ar­beit­neh­me­r:in­nen betroffen, die schon mitten im Berufsleben stehen. Hier sollen Qualifizierungsmaßnahmen und Weiterbildungen Arbeitslosigkeit – etwa in der Autoindustrie – verhindern. Wichtig ist hier das Qualifizierungschancengesetz, das grundsätzlich allen Ar­beit­neh­me­r:in­nen Förderung der Bundesagentur für Arbeit (BA) ermöglicht. Bei Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitenden übernimmt die BA bis zu 100 Prozent von Weiterbildungskosten und bis zu 75 Prozent des Arbeitsentgelts während der Ausbildung.

Tim Voss von der Ar­beit­neh­me­r:in­nen­kam­mer in Bremen plädiert für eine Weiterentwicklung des Gesetzes. Das Problem sei, dass Beschäftigte darauf angewiesen seien, dass Unternehmen – besonders kleine und mittlere – sich entsprechende Qualifizierungen überhaupt erlauben. „Teil des Gesetzes muss sein, dass die individuelle Weiterbildung mit Anspruch auf eine Freistellung gefördert wird“, sagt Voss.

Während beim Thema Mobilität und Verkehr in der Klimaenquete bereits über so konkrete Veränderungen wie die Überbauung von Parkplätzen mit Solarpanels oder die autofreie Nutzung der Hochstraße diskutiert wird, dreht sich die Debatte über den Fachkräftebedarf und die Weiterbildung in klimaschutzrelevanten Berufen weiterhin um bekannte Probleme. Ungelöst ist etwa auch immer noch die viel zu niedrige Zahl von Frauen in Handwerksberufen.

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