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Kinotipp der WocheZeitlose Phrasenblasen

In der Reihe „In Rücksprache“ treffen Filme, die jüngst auf der Duisburger Filmwoche liefen, auf Klassiker aus der Geschichte des Dokufestivals.

Hans Andreas Guttners Dokumentarfilm „Familie Villano kehrt nicht zurück“ beginnt mit einer Fahrt durchs fränkische Fürth. Auf der Tonspur sehnsüchtiger Gesang auf neapolitanisch und westdeutsche Politiker, die die 1970er Jahre hindurch erklären, warum die Bundesrepublik kein Einwanderungsland sein könne: weil wegen Bevölkerungsdichte, weil wegen Arbeit ist kein Aufenthalt und deswegen kein Grund für eine Aufenthaltserlaubnis, weil wegen Familiennachzug zwar verständlich, aber schwierig schwierig…

Die zeitlosen Phrasenblasen stammen von Walter Arendt, Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung unter Willy Brandt, und Helmut Schmidt, Bundeskanzler von 1974 bis 1982.

Guttner porträtiert 1981 mitten in einer der größten Wellen des bundesrepublikanischen Rassismus und rassistischer Gewalt eine zehnköpfige Familie, die es aus Süditalien nach Fürth verschlagen hat.

Die jüngeren Kinder besuchen italienische Schulklassen, singen Bella Ciao und sprechen mit ihrem italienischen Lehrer über alltägliche Rassismuserfahrungen, während ihre älteren Geschwister und der Vater nach Arbeitsplätzen suchen, die von Dauer sind.

Die Filme

In Rücksprache
 – Dokumentarische Arbeiten aus Geschichte und Gegenwart: Kino Arsenal, 4. 5., 19 Uhr „VLOG #8898“ + Gespräch; 21 Uhr „Familie Villano kehrt nicht zurück“

Die Duisburger Filmwoche und das Arsenal zeigen „Familie Villano kehrt nicht zurück“ am Donnerstag um 21 Uhr als zweiten Teil eines Doppelprogramms, das unter dem Titel „In Rücksprache“ einen Film der letzten Ausgabe des Dokumentarfilmfestivals mit einem Film aus dessen Geschichte in Bezug setzt.

„Zu sehen sind zwei Filme, deren Konstellation einen Raum für Verbindungen öffnet – zwei Perspektiven auf Migration nach und Leben in Deutschland, die selbst vom Dazwischen-Sein handeln: zwischen Kommen und Ankommen, sich Auskennen und sich Behaupten, Dabeisein und Dazugehören“, so der Ankündigungstext.

Vor dem Blick in die Geschichte der Duisburger Filmwoche läuft um 19 Uhr Ji Su Kang-Gattos autobiographisch, spielerisch-kluger „Vlog #8998. Korean Karottenkuchen & Our Makeup Routine“, der letzten November auf dem Festival im Crossover mit dem Jugend-Dokumentarfilmfestival Doxs lief.

In ihrem Film lässt Kang-Gatto angelehnt an das Social-Media-Videoformat des Vlog, eines Video-Blogbeitrags, ihre Familiengeschichte als Kind südkoreanischer Eltern in Westdeutschland Revue passieren und denkt über ihre Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester nach, die in Südkorea aufgewachsen ist. Sie erinnert sich an Erfahrungen von Ausgrenzung und Rassismus, die von der Kindheit bis in die Zeit der Pandemie reichen.

tazplan

Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan und immer Mittwochs und Freitags in der Printausgabe der taz.

Die beiden Filme des Programms zeigen einen Wandel in der Art, wie Lebensgeschichten jenseits des weißen-deutschen Durchschnitts im deutschen Dokumentarfilm auftauchen: Während in „Familie Villano kehrt nicht zurück“ ein deutsch-österreichischer Dokumentarfilmer empathisch auf die Lebenssituation einer Familie aus Italien blickt, die sich versucht, ein Leben in Deutschland aufzubauen, erzählt Ji Su Kang-Gatto ihre eigene Geschichte.

Neben dem technischen Fortschritt ist dies auch der Selbstermächtigung jüngerer Filmemacher_innen zu verdanken, die durch die Kloake des deutschen Alltagsrassismus gewatet sind und nicht länger freundlich darüber hinweg gehen.

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