Kinder aus dem Township Boipatong: Wir sind die Zukunft

Schulkinder aus dem Township Boipatong haben täglich die WM kommentiert. Sie wollen das Schicksal ihres Kontinents in die eigenen Hände nehmen. Die taz wird sie dabei unterstützen.

Vor einem Township-Laden in Boipatong: Sarah, Mpho, Rosinah, Refilfoe und Aaron (v.l.n.r.) Bild: schwikowski

Die Mädchen kichern. "Muttersöhnchen!" sagen sie zu Aaron. Er teilt ein Bett mit seiner Mutter, das gibt Grund zum Lästern. Aaron lässt sich nicht aus der Fassung bringen: "Sie ist mein Vorbild, sie ist immer da, und sie verurteilt nie." Der 15-jährige Schüler der Lebohang-Schule in Boipatong lebt wie die meisten seiner gleichaltrigen Mitschülerinnen in armseligen Verhältnissen: ein kleines Billighaus mit vier Räumen, gebaut von der Regierung. Eine Bretterhütte im Hinterhof bietet Platz für seine Brüder und die Nichte. Aaron weiß nicht, wo sein Vater ist. Aber er weiß: "Ich möchte Ingenieur werden, die werden in Südafrika gebraucht. Dann baue ich meiner Familie ein größeres Haus."

Diesen Wunsch haben alle fünf Teenager: Sie werden später Geld verdienen und für ihre Eltern sorgen. Die kleine Mpho versucht, immer stark zu sein, denn sie hat keine Eltern mehr. Sie schweigt, aber kann den Neid nicht unterdrücken: "Du hast Glück, dass du mit deiner Mutter lebst, es ist hart, keine Mutter mehr zu haben", sagt sie zu Aaron. Mpho lebt in einer Mädchenunterkunft, die von einer Kirchenorganisation betreut wird.

Sarah klinkt sich ein. "Du bist immer so fröhlich in der Schule und machst alles so gut!" Mpho lässt ihrem Frust freien Lauf: "Du siehst mein lächelndes Gesicht, aber im tiefsten Inneren bin ich unglücklich. Ich täusche vor, stark zu sein, damit ich nicht verletzt werde." Manchmal sei es sogar schwierig, eine Lunchbox zum Mittagessen zu bekommen. Und wenn sie mehr lernen will, sagen die anderen: Du willst wohl besser sein als wir! Da springt Aaron ein und sagt zu Mpho: "Wenn du einen Traum hast wie Martin Luther King, dann wirst du erfolgreich sein. Lass dich nicht einschüchtern."

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Lesen Sie auch den Talk of the Township im taz-Blog.

Im Lehrerzimmer ihrer Schule diskutieren die Jugendlichen, die das ganze Leben noch vor sich haben. Sarah ist sicher, dass Mpho nicht arm ist, sie habe so viel zu bieten. "Die Schule ist nur ein Trittbrett, vielleicht wirst du mal Leiterin für Herbergen."

Mpho will Menschen helfen, die es selbst nicht können. Entweder in der Sozialarbeit oder als Ärztin. "Mütter und Väter verlassen ihre Kinder, in Südafrika haben viele noch nicht mal eine Geburtsurkunde, keinen Pass", erzählt sie. Kinder leben auf der Straße oder kommen schwanger zur Unterkunft. "Das ist kein Zustand."

Sarah nickt, aber sie selbst ist zufrieden. "Ich habe alles, was ich brauche. Mein Vater ist Fotograf und kümmert sich mit dem wenigen Geld um zehn Familienmitglieder, mit denen wir leben. Nur mein Bruder, der gibt zu viel Geld aus." Ein normales Leben, sagt sie. Rosinah, die schlanke, hochgewachsene Nichte des südafrikanischen Fußballkapitäns Aaron Mokoena, ist beeindruckt von Sarahs Vater. Sie lebt bei ihrer Tante in Tweerivers, etwas außerhalb, in einer besseren Nachbarschaft. Aber ihre Eltern leben in Boipatong. Rosinah will reisen, sich mit anderen austauschen, helfen. "Auch die Menschen in Simbabwe zum Beispiel sollen in Freiheit leben können."

Mit der taz in der Bibliothek von Boipatong. Bild: schwikowski

Den Drang, für andere etwas zu tun, spürt auch die stille Refilfoe. Obwohl zu Hause alles in Ordnung sei, ihr Vater als Soldat Geld verdient und nach Hause schickt, sorgt sie sich über die vielen Aidskranken. Das schüchterne Mädchen mit Brille singt im Kirchenchor und träumt von einer Karriere als Gospelsängerin. "Oder kranken Menschen zu helfen." Und seit Sarah ihre Tante an Aids sterben sah, steht für sie fest: "Vielleicht kann ich eines Tages ein Heilmittel finden, wenn ich hart arbeite."

Wenn die Kids ihre Ideale und Träume beschreiben, sind sie kaum zu stoppen. Aber das Leben in Boipatong ist nicht sehr inspirierend. Sie langweilen sich. Selten gibt es Spiel- oder Sportveranstaltungen, ein Jugendzentrum existiert nicht. Im Staub der dreckigen Straßen stapfen sie zur nahen Bücherei. Das Internet dort ist tot. "Kein Strom", sagt Maria Mazibuko, die Leiterin. "Und sonst ist es auch zu teuer für uns", meinen die Kinder.

Die Regale stehen doch voller Bücher? "Jetzt nach der Weltmeisterschaft beginnt die Schule wieder, und dann ist das meiste ausgeliehen, denn wir versorgen acht Schulen in der Umgebung", sagt Mazibuko. Die Schulbücherei ist schlecht organisiert und es gibt keinen Bibliothekar, meint Aaron. Auch das Computerlabor ist nicht das, was es sein sollte: "Sie müssten mehr Leute anstellen, um uns dort weiterzuhelfen." Internet auf den Handys, das wäre es - aber es ist zu teuer. Sie sind hungrig nach Informationen. "Ich wünschte, ich hätte einen Laptop", sagt Aaron. "Oh ja!", nickt der Rest.

Was macht ihr denn in eurer Freizeit? "Nichts. Wir bleiben zu Hause und gucken Fernsehen, aber das ist oft auch langweilig", antwortet Mpho. Auf den Straßen fühlen sie sich unsicher. "Selbst bei Tageslicht werden Frauen vergewaltigt." Rosinah meint, trotz Polizeipatrouillen müsse man aufpassen. Manchmal fahren sie ins Kino in die nächste Stadt, aber selten. "Wenn unsere Wohnbedingungen besser wären, das würde auch schon helfen", meint Aaron. "Die Gesellschaft ist so ungleich. Wenn es regnet, kommt Schlamm in die billigen Hütten, Menschen werden krank." Mpho erinnert an das Versprechen des früheren Präsidenten Thabo Mbeki, dass es 2010 keine Hüttensiedlungen mehr geben solle. Auch die Müllentsorgung ist schlecht, sagt Mpho. "Überall liegt was rum."

Der schäbige Laden neben der Müllhalde verkauft Skambane. Die Kinder beißen rein in das halbe weiße Toastbrot, gefüllt mit fettigen Pommes, rosafarbener geschmackloser Fleischwurst und Achar, scharfer Sauce. Mpho hat noch nicht gefrühstückt. Sie braucht neue Schuhsohlen, und die Kids steuern eine kleine Blechhütte an, der Schuster sitzt davor. Er begutachtet die Löcher in Mphos Sohlen: "2 Euro jeder Schuh." Mpho will mit Geld wiederkommen. Der Schuster ist auch der Friseur. Im Shack hängen Spiegel und ein Föhn. Mphos Zöpfchen sitzen noch in Form. "Nächstes Mal!", ruft sie. Dann machen sich die Kids auf den Weg zurück zur Schule. Dort gibt es später noch einmal Mittagessen, Fleisch und Pap, der südafrikanische Maisbrei. "Nur in den Ferien, nur noch heute."

Mit dem Schulbeginn am Dienstag ist für Mpho Unsicherheit ins Leben gekommen. Sie ist jetzt am Wochenende aus dem Mädchenheim geflogen, weil sie mit einem Mitschüler in seinem Haus ins Zimmer ging. Zum Lernen, versichert Mpho: Nach den Ferien und der WM schreiben die Kinder Examen - über die WM. Die Heimleitung sah darin mehr. Jetzt wohnt Mpho bei der Familie des Jungen. Und weiß nicht, wie es weitergeht.

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