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Kartoffelchips gegen die Krise

Trendfood Knabberzeug: Die globalen Fiaskos lassen das Salzgebäck krachen und die Gastro darob darben

Nacho, Nachos: Snacken muss schmecken! Foto: reuters

Von Mark-Stefan Tietze

Kulinarisch ist die Lage gerade „astrein“, wie Foodblogger bestätigen. Viele Meisterköche kochen um ihr Leben, als ob ihr letzter Küchentimer geschlagen hätte. Zwar hält eine miesepetrige Krisenstimmung das Land im Würgegriff; sein grämliches Gesicht ähnelt frappierend dem von Kanzler Merz. Dagegen hilft jedoch, so scheint es, das verschärfte Auftischen von Gesottenem, Gegrilltem, Geselchtem und Mit-allerlei-buntem-Zeug-Bestreutem. Das aktuelle Motto des Gastgewerbes: Leben und Mampfen im Hier und Jetzt!

Ob es ein Morgen gibt, steht nämlich in den Michelin-Sternen. Die Bewegungen der Küchenprofis geraten immer stärker zum Tanz auf dem Vulkan, weil keiner mehr reingeht in die Gastronomie. Hauptsächlich der astronomischen Preise wegen, die sich in der Branche trotz der großzügigen Alimentierung durch die Mehrwertsteuersenkung zu Beginn des Jahres keinen Cent nach unten bewegt haben; zum Teil allerdings auch, weil das studentische Servicepersonal immer so abweisend reagiert, wenn es zur Arbeit gebeten wird.

Deshalb verzichten die Geringverdiener im Land, von denen es wöchentlich mehr gibt, immer öfter auf den Gang ins Restaurant. Statt Schnitzel mit Pommes tut es schließlich auch ein Butterbrot mit einer Tüte Chips. Das dazugehörige Bier gibt es zum Spottpreis ebenfalls im Supermarkt oder – für Kurzentschlossene – an der Tanke. Denn wer die Augen offen hält, kriegt zum Preis von zwei Gezapften einen ganzen Kasten Premium-Pils, an dem sich bis zu fünf Personen laben und sogar anschickern können.

„Wir sind früher zweimal die Woche Pizza oder Gyros essen gegangen“, berichtet zum Beispiel Rainer Kerstings (42) aus Gießen verdrossen. „Sowas können sich heute nur noch die feinen Pinkel vom Millionärshügel leisten!“ Er und seine Jungs treffen sich statt dessen reihum im festen Rhythmus zu Netflix und Bier, um die sozialen Bande aufrechtzuerhalten und der Unterhopfung entgegenzuwirken. Steter Quell des Streits ist im Freundeskreis allerdings die Frage, welcher Snack dazu gereicht werden soll.

„Früher gab es nur Chips, Flips und Salzstangen“, seufzt Kerstings. „Da war die Welt noch heil.“ Heute hingegen stehe man im Supermarkt vor einem uferlosen Angebot von Knabbereien aus aller Herren Länder, das die Wahl regelmäßig zur Qual gerinnen ließe.

„Der Rainer futtert in letzter Zeit nur noch ‚Kesselchips Sweet Chili & Red Pepper’ von Funnyfrisch beispielsweise“, schaltet sich genervt Kumpel Winfried ein. „Der Hopsi besteht auf Wasabi-Erdnüsse oder ‚Nicnacs Sour Cream Style’. Ulf ist mit Pringles zufrieden, egal welche Sorte, kann auch mal ‚Cheeseburger Flavor’ aus der ‚Stadium Teams’-Edition sein. Und der Bollo will jedes Mal was anderes, es muss aber aus Mais sein: Tortilla Chips, Pufuleti, Fritos, Maizos, Nachos mit Käse, egal!“

Winfried selber, der von den Freunden Winnie genannt wird, ist flexibler. „Für mich tun es manchmal die klassischen Fischli oder Salzbrezeln aus der klassischen Knabber-Mischung. Oft müssen es aber Pretzel Pieces mit kräftigem Honey-Mustard-Geschmack sein. Ansonsten nehme ich, was da ist und schmeckt.“ Wie dem auch sei! So jedenfalls kommt bei den Jungs jede Menge Abwechslung auf den Wohnzimmerbiertisch, wenn sie sich zweimal pro Woche treffen.

„Das ist immer ein Geknuspere und Gekrache aus mindestens zehn knisternden Tüten“, lacht Rainer in sich hinein, „bei dem wir oft den Ton des Actionfilms nicht mehr verstehen. Dann halten wir Netflix an, kauen fertig und gehen zur Abwechslung mal pissen. Oder hauen uns gegenseitig auf die Fresse!“

In Krisenzeiten wollen sich die Menschen einen schützenden Wanst anfressen

Jérôme Villeneuve, Psychologe

Am Ende des Abends haben die fünf so viel gelacht, getrunken und an Kalorien zu sich genommen wie zu seligen Zeiten in der Gaststätte. Die restlichen Tüteninhalte werden später von den Frauen und Kindern der Gastgeber verzehrt. In die Stapelchips-Röhre schaut dagegen: der freundliche Gastwirt von nebenan! Seine Kneipe schließt nächste Woche für immer.

Da es überall in Deutschland so knabberknackig zugeht, erlebt die Snack-Branche als eine der wenigen florierenden Industriezweige einen sensationellen Aufschwung. Die Gewinne steigen, die Zahl der Produkte explodiert. Diese Hochkonjunktur kommt nicht von ungefähr.

„Die Kombination von Kohlenhydraten, Fett und Salz ist schon in glücklichen Zeiten für die meisten Menschen unwiderstehlich“, erklärt der Psychologe Jérôme Villeneuve aus Offenbach. „In Krisenzeiten wollen sich die Menschen zudem einen schützenden Wanst anfressen. Gerade zum Bier, das einerseits eine Unterlage braucht und andererseits den Appetit schürt, ist es jedoch wichtig, dass jeder seinen individuellen Lieblingssnack kriegt. Sonst kommt es zu Unzufriedenheit, und die Leute wählen rechtsextrem.“

Nacho, Nachos: Snacken muss schmecken! Foto: Reuters

Das bekommt inzwischen auch der Handel zu spüren. „Bei der Neueröffnung von Supermärkten wird mit vierzig Regalmetern für Knabberartikel gerechnet“, erläutert der Knabberartikelspezialist Thore Veltskög aus Hannover. „Die Knabberwut der einfachen Leute ist immens! Die Hersteller kommen mit der Produktion kaum noch nach, die Läden gehen reihenweise pleite.“

Warum das gerade jetzt so ist? „Wenn wir uns das gesamte Konsumangebot als Konzert vorstellen, sind Snacks die Melodien für die Zwischenkriegszeit“, kommt es aus Jérôme Ville­neuve wie aus der Sprühpistole geschossen.

Erregt greift der Psychologe zur einer Tüte Saltletts ‚Mini-Bagel mit Kräutern, Saaten & Sauerteig’: „Wir leben in brenzligen Zeiten. Deutschland muss sein Snack-Problem in den Griff kriegen, sonst hat es sich bald ausgekracht.“

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