: „Kann ich etwas für Sie tun?“
Wünschen oder Sorgen? Grüne Damen und Herren sind in Krankenhäusern für Patientinnen und Patienten da – auch bei einer Krebserkrankung
Yvonne Oertel hat ihre hellgrüne Bluse übergestreift und geht auf der Station D4 des Klinikums Lüneburg von Zimmer zu Zimmer. Dabei stellt sie den Patienten, die hier zum Beispiel nach einer Krebserkrankung oder einem Schlaganfall behandelt werden, immer wieder dieselbe Frage: „Kann ich etwas für Sie tun?“ Im ersten Zimmer schlafen zwei Männer, ein Dritter sitzt am Tisch vor dem Fenster und liest ein Buch. „Eigentlich nicht“, lautet nach kurzem Überlegen seine Antwort, bevor er nachschiebt: „Ich werde hier gut versorgt und erwarte, wieder gesund zu werden.“ Er bedankt sich bei Oertel für die Nachfrage. Im Nebenzimmer begrüßt sie zwei ältere Männer. Einer liegt etwas gekrümmt im Bett und döst vor sich hin. Seine Antwort kommt etwas verzögert. „Es ist lieb, dass Sie fragen. Im Moment brauche ich nichts“, sagt er. Sein Zimmernachbar sitzt auf der Kante seines Bettes. „Nö, gar nichts“, lautet seine spontane Reaktion auf Oertels Frage. Dann setzt er noch erklärend hinzu: „Ich bin ja einigermaßen beweglich und kann mir deswegen selbst helfen.“
Oertel verabschiedet sich freundlich und setzt ihre Runde durch die Patientenzimmer fort. Ihre Oberbekleidung verrät, dass sie eine so genannte Grüne Dame ist. So nennen sich die Frauen, die in vielen Krankenhäusern ehrenamtlich Patienten ihre Hilfe anbieten. Oertel ist die Leiterin der Lüneburger Gruppe, die 48 Mitglieder zählt. Acht Stationen mit insgesamt mehr als 500 Betten hat das Klinikum, auf jeder Station steht von Montag bis Freitag zwischen neun und zwölf Uhr eine Grüne Dame – oder ein Grüner Herr – als Ansprechperson bereit. „Manchmal bekommen wir von der Station einen Hinweis, dass jemand einen Gesprächspartner sucht, dann sprechen wir ihn an. Außerdem können wir oft kleine Wünsche erfüllen, zum Beispiel etwas aus dem Laden des Klinikums besorgen. Krankenschwestern und Pfleger sind froh, dass wir solche Dienste übernehmen, denn sie haben dafür keine Zeit“, sagt Oertel.
Ab und zu sind die Grünen Damen die Ersten, mit denen ein Patient über die Erkrankung reden möchte. „Ein Mann hat eine Krebsdiagnose bekommen und spricht mit mir über seine Ängste. Besonders beschäftigt ihn die Frage: ‚Wie bringe ich das meiner Frau bei?‘“, erzählt Oertel.
Ihre Mitstreiterin Barbara Mundius berichtet, dass sie eher angesprochen wird, wenn kein anderer Patient mithört. Eine spezielle Ausbildung benötigt man nicht, aber man sollte zuhören können sowie Empathie und Humor haben. „Wenn man auf einem Männerzimmer nach Wünschen fragt, kann schon mal die Antwort „Eine Kiste Bier“ kommen“, sagt Mundius und fügt hinzu: „Ich bin auf einer urologischen Station, da sieht man manchmal Männer ungeniert so, wie Gott sie geschaffen hat, im Bett liegen. Das ist nicht für jeden etwas. Mit der Zeit lernt man aber schlagfertig zu reagieren.“ Warum macht die 72-Jährige seit Langem diese Arbeit, bei der auch Widerstandskraft gegenüber dem täglichen Leid gefragt ist? „Man lernt durch diese Arbeit besser zu schätzen, wie gut es einem selbst geht.“
Der Grüne Herr Harold Schleifer berichtet von der Dankbarkeit dafür, dass er unkompliziert zur schnellen Lösung von Problemen beitrage: „Wir besorgen Haftcreme fürs Gebiss, Batterien für Hörgeräte, Hygieneartikel. Wir rufen Angehörige an, wenn jemand kein Handy dabeihat. Wir nehmen Kontakt mit Technikern des Krankenhauses auf, wenn eine Notrufklingel kaputt ist. Auf dem Dienstweg über die Station würde das meist viel länger dauern.“
Fast alle der Lüneburger Grünen Damen und Herren sind im Rentenalter, die Obergrenze liegt bei 75 Jahren. Neue Freiwillige sind gerne gesehen, aber nicht einfach zu finden. Oertel: „Wir hatten neulich nach einem Zeitungsartikel sieben Bewerbungen. Zwei haben wir wegen unrealistischen Vorstellungen gleich abgesagt. Die anderen haben über mehrere Wochen den Dienst kennen gelernt. Geblieben ist am Ende eine Frau.“
Für die Ehrenamtlichen werden Fortbildungen angeboten. Träger der Grünen Damen und Herren ist die Evangelische Kranken- und Altenhilfe. „Bei uns muss niemand konfessionell gebunden sein. Wir wollen nicht am Krankenbett über Gott sprechen, sondern Menschen einfach Zeit schenken“, betont Stefanie Thieme, Büroleiterin der Bundesgeschäftsstelle in Berlin. Joachim Göres
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